Das Kreuz mit der Physiotherapie: Wie digitale Lösungen Praxen und Patienten entlasten sollen.

Einen Termin zur Physiotherapie zu bekommen, ist oftmals eine Nervenprobe: Patienten stöhnen über lange Wartezeiten, Praxen klagen über Fachkräftemangel und lästige Bürokratie. Betroffene in der Region setzen ihre Hoffnung auch auf Digitalisierung und neue Therapieformen.
Immer mehr Patienten, immer weniger freie Termine: Die Mehrzahl der Physiotherapie-Praxen in der Region arbeitet am Anschlag. Symbolbild. Foto: Louis-Paul Photo - stock.adobe.com

22.09.2025 /Archivartikel

von Christian Roch

Zwanzig Minuten. So viel Zeit veranschlagen Krankenkassen im Durchschnitt für eine Krankengymnastik-Einheit. Aus therapeutischer Sicht ist das wenig. Oft ist es aber auch das Maximum, das Physiotherapeutinnen wie Sabine Köpfle aus Neuhausen im Enzkreis aufwenden können, um ihr enormes Tagespensum überhaupt zu schaffen. „Unsere Auslastung ist konstant sehr hoch. Wartezeiten von vier bis acht Wochen sind bei neuen Patienten normal.“ erklärt Köpfle, die in ihrer Praxis fünf weitere Physiotherapeutinnen beschäftigt. Auch Marcel Karcher, Leiter der Karlsbader „Physio im Albtal“, kann nur versuchen, den Patientenandrang bestmöglich zu managen: „Um möglichst vielen Patienten helfen zu können, haben wir eine eigene Methode entwickelt, mit der wir bei Absagen schnell reagieren und Neupatienten über frei gewordene Termine informieren können.“

Hohe Auslastung, fehlende Fachkräfte

Laut Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft fehlten im Jahr 2024 deutschlandweit rund 11.600 Fachkräfte im Bereich Physiotherapie. Die alternden geburtenstarken Jahrgänge drängen vermehrt in die Physiopraxen – aber das Angebot hinkt der Nachfrage hinterher. Sabine Köpfle: „Es gibt immer mehr Patienten nach Hüft- und Knieoperationen und auch immer mehr mit Schulterimplantaten. Auch die Anzahl der Patienten, die zu Hause versorgt werden müssen steigt deutlich an.“ Laut Statistik hat sich die Fachkräftelücke zuletzt zwar leicht verringert, trotzdem kommt aus den Fachschulen immer noch zu wenig Physiotherapie-Nachwuchs.

Neue Therapieformen schaffen Freiräume

Um die Belastung ihrer Physiotherapeuten zu verringern und um neueste Erkenntnisse aus Medizin und Trainingslehre zu nutzen, setzen immer mehr Praxen ergänzend auf geräte-gestützte Therapieformen. Marcel Karcher: „Wir verzeichnen einen Trend hin zur aktiven Trainingstherapie. Meiner Erfahrung nach ist eine gesunde Mischung aus aktivem Patiententraining am Gerät und konventioneller ‚Hands-on-Therapie‘ die effektivste Form der Physiotherapie.“ Christian Balog vom Physiotherapiebedarf-Händler SVG Medizinsysteme in Mühlacker sieht darin auch einen Lösungsansatz für profitablere Praxen: „Immer mehr Praxen erkennen, dass sie mit gut geplanten Investitionen zu profitablen Unternehmen werden können. Der Fokus geht dabei immer mehr in Richtung aktive Trainingstherapie. Wir registrieren im Bereich medizinische und Kraft-Trainingsgeräte eine steigende Nachfrage, während klassische Massagebehandlungen teilweise weniger nachgefragt werden.“

Digitalisierung in den Praxen nimmt Fahrt auf

Und der Zeitfresser Bürokratie? Ab Januar 2026 müssen auch Physiotherapeuten an die Telematikinfrastruktur (TI) im Gesundheitswesen angeschlossen sein. Dann sollen E-Rezept, elektronische Patientenakte & Co. für weniger Papierflut und eine effizientere Versorgung sorgen. Marcel Karcher: „Terminzettel versenden wir bereits zu 90 Prozent per Mail. Die Umstellung auf die E-Rezepte sehne ich bereits herbei. Jede Umstellung muss jedoch gut durchdacht und vorbereitet sein. Am besten immer in Kooperation mit unserem Berufsverband.“ Sabine Köpfle hat bereits weiterführende Ideen: “Ich plane die Einführung von Tablets, damit jeder Therapeut jederzeit Zugriff auf alle Daten hat. So wird die Dokumentation vereinfacht und den Patienten kann zum Beispiel im Krankheitsfall von zu Hause aus abgesagt werden.“ Digitalisierung und Vernetzung werden aber nicht nur die Verwaltungsprozesse verändern, sondern auch die Therapie selbst, glaubt Christian Balog von SVG: „Die Digitalisierung der Praxen ist ein wichtiges Thema, um Abläufe effektiv und patientenorientiert zu gestalten und um dem Personalmangel begegnen zu können. Wir bieten schon heute für Kraft- und Cardio-Trainingsgeräte die Möglichkeit zur Anbindung von Trainingssoftware-Lösungen für die smarte Vernetzung der Trainingsfläche.“

Das Menschliche bleibt entscheidend

Trotz aller technologischen Fortschritte bleibt der persönliche Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten unverzichtbar für den Heilungserfolg – auch wenn gerade bei Hausbesuchen wertvolle Zeit auf der Strecke bleibt. Marcel Karcher: „Von Alternativen wie Teletherapie halte ich nichts. Während einer physiotherapeutischen Behandlung spielt das zwischenmenschliche Agieren eine zu große Rolle für den Therapieerfolg, um darauf verzichten zu können.“ Sabine Köpfle bestätigt: „Ich schätze den direkten Kontakt zu meinen Patienten und Kursteilnehmern.“ Vielleicht dauert dieser in nicht allzu ferner Zukunft auch wieder länger als nur zwanzig Minuten.