Wirtschaft im Nordschwarzwald bleibt im Wartemodus

Die Unternehmen in der Region haben die tiefste Krise offenbar hinter sich gelassen. Doch von neuer Dynamik kann keine Rede sein. Auftragseingänge sinken wieder, Investitionen bleiben defensiv und die Industrie sendet Warnsignale.
Die Wirtschaft im Nordschwarzwald hat sich stabilisiert , für einen breiten Aufschwung fehlen vielen Unternehmen jedoch weiterhin klare Impulse. Foto: ©KI-gestützter Inhalt

19.05.2026

„Die Talsohle des Vorjahres haben wir hinter uns gelassen. Aber aus Stabilisierung ist noch kein Aufschwung geworden.“
Claudia Gläser, Präsidentin IHK Nordschwarzwald

Die aktuelle Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald zeigt zwar eine deutlich bessere Stimmung als noch vor einem Jahr. Gleichzeitig mehren sich die Zeichen dafür, dass der erhoffte Aufschwung erneut ins Stocken geraten könnte.

Für die Erhebung wurden Ende April rund 260 Unternehmen aus der Region befragt. Die aktuelle Konjunkturumfrage ist die zweite dieses Jahres. Die erste wurde Anfang des Jahres erhoben, die dritte findet in der Regel nach den Sommerferien als Herbstumfrage statt. Mit einer Rücklaufquote von knapp 40 Prozent können die Ergebnisse der Befragung als valide und belastbar bewertet werden.

Die überregionalen Konjunkturdaten senden derzeit ein gemischtes Signal.  Das Statistisches Bundesamt meldet für das erste Quartal 2026 ein BIP-Plus von 0,3 Prozent und für März steigende Industrieaufträge. Gleichzeitig lag die Inflationsrate im April voraussichtlich bei 2,9 Prozent, die Energiepreise sogar 10,1 Prozent über Vorjahr. Parallel dazu fiel im April der Geschäftsklimaindex des ifo Institut auf 84,4 Punkte auf den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Diese widersprüchliche Gemengelage spiegelt sich auch in der regionalen Wirtschaft des Nordschwarzwalds wider.

Quelle: IHK Nordschwarzwald

Der Saldo der aktuellen Geschäftslage liegt im Frühjahr 2026 bei +3,0 und damit nahezu auf dem Niveau des Jahresbeginns mit +3,6. Gegenüber dem Frühjahr 2025 mit -5,3 zeigt sich eine spürbare Verbesserung. Von einer breiten Erholung kann dennoch noch nicht gesprochen werden. Dafür bleibt die wirtschaftliche Dynamik insgesamt zu verhalten, insbesondere in der Industrie.

Industrie bleibt das Sorgenkind

Die aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmen insgesamt zwar leicht positiv bewertet. Doch dieser Wert täuscht über die strukturellen Probleme hinweg. Vor allem die Industrie, traditionell Rückgrat der regionalen Wirtschaft, bleibt unter Druck.

Der Geschäftslagesaldo im produzierenden Bereich liegt weiterhin im negativen Bereich. Noch deutlicher wird die Unsicherheit beim Blick auf die Auftragseingänge: Nachdem zu Jahresbeginn kurz Hoffnung aufgekommen war, rutscht der Wert nun wieder ins Minus. Viele Betriebe berichten von rückläufigen Bestellungen – ein Warnsignal für die kommenden Monate.

„Der Blick auf die Frühindikatoren zeigt deutlich, warum wir noch nicht von einem belastbaren Aufschwung sprechen können“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführerin Tanja Traub. „Der Auftragseingang fällt wieder ins Minus, und auch die Geschäftserwartungen haben sich eingetrübt. Die Unternehmen blicken trotz stabilerer Lage mit Vorsicht auf die kommenden Monate.“

Mehr Umsatz – aber kaum bessere Erträge

Zwar melden viele Unternehmen inzwischen wieder steigende Umsätze. Doch daraus entsteht bislang kaum zusätzlicher Gewinn. Hohe Energiepreise, gestiegene Arbeitskosten und anhaltender Margendruck verhindern vielerorts eine echte wirtschaftliche Entlastung.

„Die Umsatzentwicklung hat sich stabilisiert, doch die Erträge halten damit noch nicht Schritt“, so Traub. „Mehr Geschäft bedeutet für viele Unternehmen derzeit nicht automatisch mehr Ergebnis. Kosten, Preise und Margen bleiben zentrale Herausforderungen.“

Besonders die Energiepreise sorgen wieder für Nervosität. Ihre Bedeutung als wirtschaftliches Risiko hat sich laut Umfrage binnen weniger Monate massiv erhöht. Gleichzeitig bleibt die schwache Inlandsnachfrage eines der größten Probleme.

Auch der Arbeitsmarkt spiegelt die Zurückhaltung wider. Die Beschäftigungsabsichten der Unternehmen bleiben klar negativ. Die Zahl der Arbeitslosen in der Region erreichte im April den höchsten Stand für diesen Monat seit 2010.

Investitionen dienen vor allem der Absicherung

Auffällig ist auch die Art der Investitionen. Unternehmen investieren derzeit vor allem, um bestehende Strukturen zu erhalten oder effizienter zu werden – nicht, um zu expandieren.

Ersatzbeschaffungen und Digitalisierung dominieren die Investitionspläne. Neue Kapazitäten oder größere Wachstumsprojekte spielen dagegen nur eine Nebenrolle.

„Die Unternehmen investieren vor allem, um leistungsfähig zu bleiben – noch nicht, um kräftig zu wachsen“, sagt Traub.

Immerhin gibt es einzelne Lichtblicke. Der Handel zeigt sich vorsichtig optimistisch, auch Teile des Dienstleistungssektors bleiben robust. Im Hotel- und Gastgewerbe hat sich die Stimmung gegenüber dem Jahresbeginn ebenfalls etwas verbessert – wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau.

Wirtschaft fordert klare Signale aus der Politik

Die Unternehmen verbinden ihre vorsichtige Hoffnung nun zunehmend mit Erwartungen an die Politik. Schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und verlässliche Energiepreise zählen laut IHK zu den dringendsten Forderungen.

Zugleich sehen viele Firmen Chancen im internationalen Geschäft. Das neue Interimsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Mercosur-Raum könnte exportorientierten Branchen zusätzliche Absatzmärkte eröffnen – vorausgesetzt, der Standort Deutschland bleibt wettbewerbsfähig.

„Die Ergebnisse sind ein klarer Auftrag an die Politik“, betont IHK-Präsidentin Gläser. „Die Unternehmen brauchen schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und verlässliche Rahmenbedingungen. Nur dann kann der Nordschwarzwald seine Chancen nutzen und aus Stabilisierung wieder Wachstum machen.“

pm/tm