Von Gerd Lache | 27.04.2026
Im Interview berichtet Professor Kölmel, neben seinem Lehrstuhl an der Hochschule Pforzheim auch Vorsitzender des TraFoNetz-Transformationsbeirats, von radikalen Innovationsprinzipien, der Bedeutung von Reallaboren und seiner Vision, den Nordschwarzwald vom klassischen Automotive-Cluster in eine lernende Hightech-Region zu verwandeln.
Herr Professor Kölmel, Sie haben die „NexTech Week 2026“ in Tokio/Japan besucht, Vorträge gehalten und „Woven City“, die reale Zukunftsstadt von Toyota besucht. Was war das übergeordnete Thema Ihrer Reise und welche Rolle spielte dabei Woven City als lebendes Labor?
Für mich stand die Reise unter dem gemeinsamen Dachthema ‚Zukunft der Mobilität und der Next Technologies – von der Messehalle in Tokio bis zur realen Stadt am Fuji‘. Auf der NexTech Week Tokio, einer Leitmesse für KI, Blockchain, Quantencomputing und DX‑Human-Resource-Entwicklung am Tokyo Big Sight, habe ich gesehen, wie breit die technologischen Lösungsansätze mittlerweile sind. Woven City habe ich in diesem Kontext als „Living Laboratory“ eingeordnet – als realen Testkurs für Mobilität und städtisches Leben, in dem diese Technologien nicht nur präsentiert, sondern 1:1 im Alltag der Bewohner ausprobiert werden.

In Ihrem Vortrag haben Sie das Transformationsnetzwerk Nordschwarzwald vorgestellt. Mit welchen Kernbotschaften haben Sie den Wirtschaftsstandort Nordschwarzwald in Japan positioniert?
In meinen Gesprächen und Vorträgen habe ich TraFoNetz bewusst als „Transformationsplattform Nordschwarzwald“ vorgestellt – also als größtes regionales Netzwerk, das Unternehmen, Beschäftigte, Wissenschaft, Verbände und Politik zusammenbringt, um den Wandel der Automobilzulieferindustrie aktiv zu gestalten. Ich habe betont, dass wir ähnlich wie Woven City ein Experimentierfeld schaffen wollen, in dem neue Technologien und Geschäftsmodelle, beispielsweise KI, Robotik, Medizintechnik, Clean Energy, neue Antriebe, in realen Betrieben und Regionen erprobt werden, statt nur auf Folien zu existieren. Damit konnte ich den Nordschwarzwald als mittelständische Hightech‑Region positionieren, die offen für internationale Kooperationen und Technologiepartnerschaften ist.
Wie war die Resonanz des japanischen Fachpublikums?
Die japanischen und internationalen Teilnehmenden reagierten spürbar positiv. Viele fanden es bemerkenswert, dass es in einer ländlich‑industriellen Region wie dem Nordschwarzwald ein vom Bund gefördertes Transformationsnetzwerk gibt, das Strategie, Vernetzung und Fachkräfteentwicklung bündelt. Besonders nachgefragt waren unsere Ansätze zur Diversifikation der Zulieferunternehmen, die stark vom Verbrenner abhängig sind. Hier wollten viele wissen, wie wir systematisch neue Märkte wie Robotik, Energietechnik oder Medizintechnik erschließen wollen.

Seit September 2025 ist Toyotas Zukunftsstadt Woven City offiziell in Betrieb. Welchen persönlichen Eindruck hatten Sie von dem Leben der ersten Bewohner, Weaver genannt, und dem Zusammenspiel von Mensch und Technik?
Im Kontrast zur sehr technikgeladenen NexTech‑Atmosphäre wirken die ersten Bewohner in Woven City erstaunlich normal. Familien, Kinder, Alltag, nur dass im Hintergrund autonome Shuttles, Lieferroboter, Sensorik und Smart Homes mitlaufen. Mein Eindruck war, dass die Bewohner sich weniger wie Versuchspersonen fühlen, sondern eher wie Mitgestaltende, die Ideen ausprobieren, Feedback geben und damit direkt Einfluss auf die Weiterentwicklung von Mobilitäts- und Energielösungen nehmen
Von den vielen Technologien in Woven City – vom wasserstoffbasierten Energiesystem bis zum dreistufigen Straßensystem – was hat Sie am meisten beeindruckt?
Das integrierte Zusammenspiel aus Energieversorgung und dem dreistufigen Straßensystem von Woven City ist beeindruckend. Die Stadt ist auf Brennstoffzellen und erneuerbare Energien ausgelegt, wodurch Gebäude, Fahrzeuge und Infrastruktur zu einem vernetzten Energiesystem werden. Das Straßensystem – getrennte Ebenen für schnelle autonome Fahrzeuge, gemischte Zonen und reine Fußgängerflächen – übersetzt viele NexTech‑Themen, beispielsweise autonome Systeme, Sensorik und KI in ein räumlich sofort verständliches Sicherheits- und Nutzungskonzept.

Toyota betont, dass in der Zukunftsstadt der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht die Technologie. Wie wird dieses Versprechen in der Realität der Stadt eingelöst und was können wir im Nordschwarzwald davon für die Akzeptanz neuer Technologien lernen?
Auf der NexTech Week standen häufig technische Leistungsdaten im Vordergrund. In Woven City habe ich erlebt, wie konsequent Toyota versucht, Stadt, Häuser und Mobilität so zu gestalten, dass sich Menschen wohlfühlen. Also mit viel Holz, Grün, Tageslicht und klaren Wegen. Ich habe gelernt, dass wir im Nordschwarzwald bei der Einführung neuer Technologien, etwa KI in der Fertigung oder neue Mobilitätsdienste, frühzeitig die Perspektive der Beschäftigten und Bürger einbauen müssen – mit Reallaboren, Pilotprojekten und Beteiligungsformaten, in denen der Nutzen im Alltag spürbar ist.
Ein zentraler Begriff in Woven City ist Kakezan – Innovation durch Multiplikation unterschiedlicher Stärken. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die Zusammenarbeit zwischen den Zulieferern im Nordschwarzwald und branchenfremden Partnern, etwa Medizintechnik, Umwelttechnik, Verteidigung oder Luft- und Raumfahrt, übertragen?
Das Konzept Innovation durch Multiplikation verschiedener Stärken habe ich sowohl in Woven City als auch auf der NexTech Week sehr intensiv erlebt. Hardware‑Unternehmen, KI‑Spezialisten, Quanten‑Start‑ups, Blockchain‑Firmen und HR‑Dienstleister arbeiten an gemeinsamen Use Cases. Für den Nordschwarzwald bedeutet das aus meiner Sicht: Unsere Zulieferer bringen Präzision, Qualität und Skalierungsfähigkeit ein, während Partner aus Medizintechnik, Umwelttechnik, Verteidigung oder Luft‑ und Raumfahrt mit ihrem Domänenwissen und regulatorischer Expertise beitragen. Genau diese Multiplikation möchte ich mit Kontakten aus Japan und anderen Ländern weiter vorantreiben.

Laut Experten müssen produzierende Zulieferer keine Softwareunternehmen werden, sondern sie sollten ihre Fertigungskompetenz schärfen. Wie können die Unternehmen im Nordschwarzwald durch Kakezan, also Multiplikation, neue Märkte erschließen?
Auf der NexTech Week wurde mir sehr klar, dass nicht jeder Player alles können muss. Viele Firmen sind hochspezialisiert, etwa auf KI‑Algorithmen, Quanten‑Security oder Blockchain‑Infrastruktur. Und sie leben von Kooperationen. Meine zentrale Schlussfolgerung für die Unternehmen im Nordschwarzwald ist: Sie sollten ihre Fertigungs- und Systemkompetenz bewusst schärfen und über Kakezan-Partnerschaften mit internationalen Software‑, Sensorik‑ und Plattformanbietern neue Lösungen für Robotik, Energie- oder Medizingeräte entwickeln, statt sich selbst zu überfordern.
In Woven City werden Ideen direkt 1:1 getestet. Inwieweit kann der Nordschwarzwald selbst zum Reallabor für Mobilitätslösungen werden, anstatt nur theoretische Planspiele zu betreiben?
Die NexTech Week zeigt, welche Technologien verfügbar sind; Woven City zeigt, wie man daraus eine reale Testumgebung macht. Genau dieses Zusammenspiel möchte ich in die Region übertragen. Ich sehe den Nordschwarzwald als potenzielles verteiltes Reallabor: Industrieparks, Mittelstädte und Campusflächen, in denen automatisierte Logistik, neue Mobilitätsdienste oder energieeffiziente Produktionskonzepte konkret ausprobiert werden. TraFoNetz kann diese Reallabore koordinieren, Partner vernetzen und dafür sorgen, dass erfolgreiche Piloten in größere Programme und Qualifizierungsangebote überführt werden.

TraFoNetz betreut eine Region, in der 14 % aller Beschäftigten direkt am Automobil hängen. Welche der in Japan präsentierten Lektionen halten Sie für die dringendste, um diese Arbeitsplätze zu sichern?
Die wichtigste Lektion, die ich mitnehme, ist: Wir dürfen nicht warten, bis der Markt uns zwingt, sondern müssen aktiv neue Rollen in entstehenden Wertschöpfungsnetzen übernehmen, so wie Toyota mit Woven City vom Autohersteller zum Anbieter integrierter Mobilitäts- und Energielösungen wird. Für unsere Region, in der sehr viele Beschäftigte direkt an der Automobilindustrie hängen, heißt das: Wir müssen konsequent Projekte priorisieren, die neue Umsätze in Zukunftsfeldern generieren. Und wir müssen gleichzeitig massiv in Weiterqualifizierung, Transformationskompetenz und Netzwerke investieren, genau entlang der Linien der regionalen Transformationsstrategie.
In der Zukunftsstadt von Toyota geben die Bewohner (Weaver) direktes Feedback zur Stadtentwicklung. Wie können die Beschäftigten in den hiesigen Betrieben im Nordschwarzwald stärker zu aktiven Treibern der Transformation gemacht werden?
In Woven City sind die Akteure aktiv eingebunden, und auf der NexTech Week habe ich viele Formate gesehen, in denen Anwender mit Entwicklern an konkreten Lösungen arbeiten. Für den Nordschwarzwald plane ich, diese Idee noch stärker in Betriebe zu tragen. Das bedeutet: Beschäftigte nicht nur zu schulen, sondern sie als Ideengeber, Pilotanwender und Botschafter der Veränderung einbinden, etwa über Prozessmodelle, betriebliche Reallabore und gemeinsame Innovationsformate, die TraFoNetz moderiert und unterstützt.

Woven City ist ein 10-Milliarden-Dollar-Experiment. Wie viel von diesem sogenannten Modell Susono ist tatsächlich auf eine gewachsene mittelständische Region wie den Nordschwarzwald übertragbar?
Das finanzielle Volumen von rund 10 Milliarden US‑Dollar und der Neubau einer kompletten Stadt lassen sich nicht direkt auf eine gewachsene mittelständische Region übertragen. Übertragbar sind aber die Prinzipien: eine klare Vision, definierte Reallabore, starke Netzwerke, Stichwort: Kakezan und eine menschenzentrierte Einführung von Technologien. Und genau diese Prinzipien habe ich versucht in meiner Positionierung von TraFoNetz und in den Gesprächen auf der NexTech Week zu verankern.
Bis 2030+ plant Woven City den Endausbau von momentan 300 auf dann 2.000 Bewohner. Welchen Zeitrahmen sehen Sie für die mögliche Umsetzung der ersten konkreten Japan-Lektionen in der Region Nordschwarzwald?
Toyota hat etwa fünf Jahre vom Konzept bis zur Phase‑1‑Inbetriebnahme von Woven City gebraucht, bei einem Neubauprojekt. Da wir im Nordschwarzwald auf bestehende Strukturen und ein laufendes Transformationsnetzwerk aufsetzen, halte ich es für realistisch, innerhalb von 24 bis 36 Monaten erste sichtbare Japan‑Lektionen umzusetzen, zum Beispiel neue Zukunftsinitiativen, Pilotprojekte oder spezifische Qualifizierungsprogramme.

Skizzieren Sie in einem Satz als Fazit die Transformation im Nordschwarzwald in Bezug zu Ihren Erlebnissen und Erkenntnissen in Japan!
Meine Reise von der NexTech Week in Tokyo nach Woven City am Fuji und zurück in den Nordschwarzwald hat mir gezeigt, dass unsere Region alles mitbringt, um aus einem klassischen Automotive‑Cluster eine lernende Transformationsregion zu machen – wenn wir Technologiewissen, Reallabore und die Stärke unseres Mittelstands konsequent miteinander verweben.
Ein Direktflug von Tokio nach Frankfurt dauert etwa 15 Stunden, welche Gedanken kreisten bei Ihnen auf der Rückreise nach der erlebnisreichen Japan-Tour?
Drei Fragen habe ich mir auf der Rückreise besonders gestellt – und nun auch eine vierte, die mir zunehmend wichtig erscheint.
Erstens: Wie schaffen wir es, die vielen Impulse und Kontakte aus NexTech und Woven City in langfristige Kooperationen und Projekte zu übersetzen, statt sie in Reiseberichten versanden zu lassen?
Zweitens: Welche Governance‑ und Finanzierungsmodelle brauchen wir, um regionale Reallabore dauerhaft zu betreiben, über Förderperioden hinaus?
Drittens: Wie verankern wir Hochschulen, Schulen und Weiterbildungsanbieter so in der Region, dass sie zum dauerhaften Übersetzer zwischen Next Tech, Unternehmenspraxis und Beschäftigten werden – und damit die Rolle übernehmen, die ich in Japan mit TraFoNetz bereits skizziert habe?
Viertens: Wie schaffen wir es, größer zu denken und eine ambitionierte Vision für den Nordschwarzwald beziehungsweise ganz Deutschland zu entwerfen – inspiriert von Japans klaren Marktzielen, wie 25% globaler Marktanteil bei autonomen Fahrzeugen in den 2030er Jahren oder 5 Billionen Yen (rund 27 Milliarden Euro, Anm. d. Red.) in vertikaler KI bis 2030?
Japan setzt auf öffentlich-private Roadmaps mit konkreten Zielen, Investitionen und Wachstumszahlen für Schlüsseltechnologien wie autonomes Fahren, vertikale KI und fortschrittliche Materialien. Wir bräuchten eine vergleichbare nationale Strategie, die regionale Stärken wie den Nordschwarzwald als Automotive‑Transformation‑Hub mit globalen Zielen – beispielsweise führende Rolle in Robotik‑Fertigung oder nachhaltiger Mobilität – verknüpft, mit klaren Meilensteinen, Investitionssummen und Erfolgsindikatoren, um Mittelstand, Forschung und Politik hinter einer gemeinsamen Vision zu bündeln.

Von Gerd Lache | 27.04.2026
Im Interview berichtet Professor Kölmel, neben seinem Lehrstuhl an der Hochschule Pforzheim auch Vorsitzender des TraFoNetz-Transformationsbeirats, von radikalen Innovationsprinzipien, der Bedeutung von Reallaboren und seiner Vision, den Nordschwarzwald vom klassischen Automotive-Cluster in eine lernende Hightech-Region zu verwandeln.
Herr Professor Kölmel, Sie haben die „NexTech Week 2026“ in Tokio/Japan besucht, Vorträge gehalten und „Woven City“, die reale Zukunftsstadt von Toyota besucht. Was war das übergeordnete Thema Ihrer Reise und welche Rolle spielte dabei Woven City als lebendes Labor?
Für mich stand die Reise unter dem gemeinsamen Dachthema ‚Zukunft der Mobilität und der Next Technologies – von der Messehalle in Tokio bis zur realen Stadt am Fuji‘. Auf der NexTech Week Tokio, einer Leitmesse für KI, Blockchain, Quantencomputing und DX‑Human-Resource-Entwicklung am Tokyo Big Sight, habe ich gesehen, wie breit die technologischen Lösungsansätze mittlerweile sind. Woven City habe ich in diesem Kontext als „Living Laboratory“ eingeordnet – als realen Testkurs für Mobilität und städtisches Leben, in dem diese Technologien nicht nur präsentiert, sondern 1:1 im Alltag der Bewohner ausprobiert werden.

In Ihrem Vortrag haben Sie das Transformationsnetzwerk Nordschwarzwald vorgestellt. Mit welchen Kernbotschaften haben Sie den Wirtschaftsstandort Nordschwarzwald in Japan positioniert?
In meinen Gesprächen und Vorträgen habe ich TraFoNetz bewusst als „Transformationsplattform Nordschwarzwald“ vorgestellt – also als größtes regionales Netzwerk, das Unternehmen, Beschäftigte, Wissenschaft, Verbände und Politik zusammenbringt, um den Wandel der Automobilzulieferindustrie aktiv zu gestalten. Ich habe betont, dass wir ähnlich wie Woven City ein Experimentierfeld schaffen wollen, in dem neue Technologien und Geschäftsmodelle, beispielsweise KI, Robotik, Medizintechnik, Clean Energy, neue Antriebe, in realen Betrieben und Regionen erprobt werden, statt nur auf Folien zu existieren. Damit konnte ich den Nordschwarzwald als mittelständische Hightech‑Region positionieren, die offen für internationale Kooperationen und Technologiepartnerschaften ist.
Wie war die Resonanz des japanischen Fachpublikums?
Die japanischen und internationalen Teilnehmenden reagierten spürbar positiv. Viele fanden es bemerkenswert, dass es in einer ländlich‑industriellen Region wie dem Nordschwarzwald ein vom Bund gefördertes Transformationsnetzwerk gibt, das Strategie, Vernetzung und Fachkräfteentwicklung bündelt. Besonders nachgefragt waren unsere Ansätze zur Diversifikation der Zulieferunternehmen, die stark vom Verbrenner abhängig sind. Hier wollten viele wissen, wie wir systematisch neue Märkte wie Robotik, Energietechnik oder Medizintechnik erschließen wollen.

Seit September 2025 ist Toyotas Zukunftsstadt Woven City offiziell in Betrieb. Welchen persönlichen Eindruck hatten Sie von dem Leben der ersten Bewohner, Weaver genannt, und dem Zusammenspiel von Mensch und Technik?
Im Kontrast zur sehr technikgeladenen NexTech‑Atmosphäre wirken die ersten Bewohner in Woven City erstaunlich normal. Familien, Kinder, Alltag, nur dass im Hintergrund autonome Shuttles, Lieferroboter, Sensorik und Smart Homes mitlaufen. Mein Eindruck war, dass die Bewohner sich weniger wie Versuchspersonen fühlen, sondern eher wie Mitgestaltende, die Ideen ausprobieren, Feedback geben und damit direkt Einfluss auf die Weiterentwicklung von Mobilitäts- und Energielösungen nehmen
Von den vielen Technologien in Woven City – vom wasserstoffbasierten Energiesystem bis zum dreistufigen Straßensystem – was hat Sie am meisten beeindruckt?
Das integrierte Zusammenspiel aus Energieversorgung und dem dreistufigen Straßensystem von Woven City ist beeindruckend. Die Stadt ist auf Brennstoffzellen und erneuerbare Energien ausgelegt, wodurch Gebäude, Fahrzeuge und Infrastruktur zu einem vernetzten Energiesystem werden. Das Straßensystem – getrennte Ebenen für schnelle autonome Fahrzeuge, gemischte Zonen und reine Fußgängerflächen – übersetzt viele NexTech‑Themen, beispielsweise autonome Systeme, Sensorik und KI in ein räumlich sofort verständliches Sicherheits- und Nutzungskonzept.

Toyota betont, dass in der Zukunftsstadt der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht die Technologie. Wie wird dieses Versprechen in der Realität der Stadt eingelöst und was können wir im Nordschwarzwald davon für die Akzeptanz neuer Technologien lernen?
Auf der NexTech Week standen häufig technische Leistungsdaten im Vordergrund. In Woven City habe ich erlebt, wie konsequent Toyota versucht, Stadt, Häuser und Mobilität so zu gestalten, dass sich Menschen wohlfühlen. Also mit viel Holz, Grün, Tageslicht und klaren Wegen. Ich habe gelernt, dass wir im Nordschwarzwald bei der Einführung neuer Technologien, etwa KI in der Fertigung oder neue Mobilitätsdienste, frühzeitig die Perspektive der Beschäftigten und Bürger einbauen müssen – mit Reallaboren, Pilotprojekten und Beteiligungsformaten, in denen der Nutzen im Alltag spürbar ist.
Ein zentraler Begriff in Woven City ist Kakezan – Innovation durch Multiplikation unterschiedlicher Stärken. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die Zusammenarbeit zwischen den Zulieferern im Nordschwarzwald und branchenfremden Partnern, etwa Medizintechnik, Umwelttechnik, Verteidigung oder Luft- und Raumfahrt, übertragen?
Das Konzept Innovation durch Multiplikation verschiedener Stärken habe ich sowohl in Woven City als auch auf der NexTech Week sehr intensiv erlebt. Hardware‑Unternehmen, KI‑Spezialisten, Quanten‑Start‑ups, Blockchain‑Firmen und HR‑Dienstleister arbeiten an gemeinsamen Use Cases. Für den Nordschwarzwald bedeutet das aus meiner Sicht: Unsere Zulieferer bringen Präzision, Qualität und Skalierungsfähigkeit ein, während Partner aus Medizintechnik, Umwelttechnik, Verteidigung oder Luft‑ und Raumfahrt mit ihrem Domänenwissen und regulatorischer Expertise beitragen. Genau diese Multiplikation möchte ich mit Kontakten aus Japan und anderen Ländern weiter vorantreiben.

Laut Experten müssen produzierende Zulieferer keine Softwareunternehmen werden, sondern sie sollten ihre Fertigungskompetenz schärfen. Wie können die Unternehmen im Nordschwarzwald durch Kakezan, also Multiplikation, neue Märkte erschließen?
Auf der NexTech Week wurde mir sehr klar, dass nicht jeder Player alles können muss. Viele Firmen sind hochspezialisiert, etwa auf KI‑Algorithmen, Quanten‑Security oder Blockchain‑Infrastruktur. Und sie leben von Kooperationen. Meine zentrale Schlussfolgerung für die Unternehmen im Nordschwarzwald ist: Sie sollten ihre Fertigungs- und Systemkompetenz bewusst schärfen und über Kakezan-Partnerschaften mit internationalen Software‑, Sensorik‑ und Plattformanbietern neue Lösungen für Robotik, Energie- oder Medizingeräte entwickeln, statt sich selbst zu überfordern.
In Woven City werden Ideen direkt 1:1 getestet. Inwieweit kann der Nordschwarzwald selbst zum Reallabor für Mobilitätslösungen werden, anstatt nur theoretische Planspiele zu betreiben?
Die NexTech Week zeigt, welche Technologien verfügbar sind; Woven City zeigt, wie man daraus eine reale Testumgebung macht. Genau dieses Zusammenspiel möchte ich in die Region übertragen. Ich sehe den Nordschwarzwald als potenzielles verteiltes Reallabor: Industrieparks, Mittelstädte und Campusflächen, in denen automatisierte Logistik, neue Mobilitätsdienste oder energieeffiziente Produktionskonzepte konkret ausprobiert werden. TraFoNetz kann diese Reallabore koordinieren, Partner vernetzen und dafür sorgen, dass erfolgreiche Piloten in größere Programme und Qualifizierungsangebote überführt werden.

TraFoNetz betreut eine Region, in der 14 % aller Beschäftigten direkt am Automobil hängen. Welche der in Japan präsentierten Lektionen halten Sie für die dringendste, um diese Arbeitsplätze zu sichern?
Die wichtigste Lektion, die ich mitnehme, ist: Wir dürfen nicht warten, bis der Markt uns zwingt, sondern müssen aktiv neue Rollen in entstehenden Wertschöpfungsnetzen übernehmen, so wie Toyota mit Woven City vom Autohersteller zum Anbieter integrierter Mobilitäts- und Energielösungen wird. Für unsere Region, in der sehr viele Beschäftigte direkt an der Automobilindustrie hängen, heißt das: Wir müssen konsequent Projekte priorisieren, die neue Umsätze in Zukunftsfeldern generieren. Und wir müssen gleichzeitig massiv in Weiterqualifizierung, Transformationskompetenz und Netzwerke investieren, genau entlang der Linien der regionalen Transformationsstrategie.
In der Zukunftsstadt von Toyota geben die Bewohner (Weaver) direktes Feedback zur Stadtentwicklung. Wie können die Beschäftigten in den hiesigen Betrieben im Nordschwarzwald stärker zu aktiven Treibern der Transformation gemacht werden?
In Woven City sind die Akteure aktiv eingebunden, und auf der NexTech Week habe ich viele Formate gesehen, in denen Anwender mit Entwicklern an konkreten Lösungen arbeiten. Für den Nordschwarzwald plane ich, diese Idee noch stärker in Betriebe zu tragen. Das bedeutet: Beschäftigte nicht nur zu schulen, sondern sie als Ideengeber, Pilotanwender und Botschafter der Veränderung einbinden, etwa über Prozessmodelle, betriebliche Reallabore und gemeinsame Innovationsformate, die TraFoNetz moderiert und unterstützt.

Woven City ist ein 10-Milliarden-Dollar-Experiment. Wie viel von diesem sogenannten Modell Susono ist tatsächlich auf eine gewachsene mittelständische Region wie den Nordschwarzwald übertragbar?
Das finanzielle Volumen von rund 10 Milliarden US‑Dollar und der Neubau einer kompletten Stadt lassen sich nicht direkt auf eine gewachsene mittelständische Region übertragen. Übertragbar sind aber die Prinzipien: eine klare Vision, definierte Reallabore, starke Netzwerke, Stichwort: Kakezan und eine menschenzentrierte Einführung von Technologien. Und genau diese Prinzipien habe ich versucht in meiner Positionierung von TraFoNetz und in den Gesprächen auf der NexTech Week zu verankern.
Bis 2030+ plant Woven City den Endausbau von momentan 300 auf dann 2.000 Bewohner. Welchen Zeitrahmen sehen Sie für die mögliche Umsetzung der ersten konkreten Japan-Lektionen in der Region Nordschwarzwald?
Toyota hat etwa fünf Jahre vom Konzept bis zur Phase‑1‑Inbetriebnahme von Woven City gebraucht, bei einem Neubauprojekt. Da wir im Nordschwarzwald auf bestehende Strukturen und ein laufendes Transformationsnetzwerk aufsetzen, halte ich es für realistisch, innerhalb von 24 bis 36 Monaten erste sichtbare Japan‑Lektionen umzusetzen, zum Beispiel neue Zukunftsinitiativen, Pilotprojekte oder spezifische Qualifizierungsprogramme.

Skizzieren Sie in einem Satz als Fazit die Transformation im Nordschwarzwald in Bezug zu Ihren Erlebnissen und Erkenntnissen in Japan!
Meine Reise von der NexTech Week in Tokyo nach Woven City am Fuji und zurück in den Nordschwarzwald hat mir gezeigt, dass unsere Region alles mitbringt, um aus einem klassischen Automotive‑Cluster eine lernende Transformationsregion zu machen – wenn wir Technologiewissen, Reallabore und die Stärke unseres Mittelstands konsequent miteinander verweben.
Ein Direktflug von Tokio nach Frankfurt dauert etwa 15 Stunden, welche Gedanken kreisten bei Ihnen auf der Rückreise nach der erlebnisreichen Japan-Tour?
Drei Fragen habe ich mir auf der Rückreise besonders gestellt – und nun auch eine vierte, die mir zunehmend wichtig erscheint.
Erstens: Wie schaffen wir es, die vielen Impulse und Kontakte aus NexTech und Woven City in langfristige Kooperationen und Projekte zu übersetzen, statt sie in Reiseberichten versanden zu lassen?
Zweitens: Welche Governance‑ und Finanzierungsmodelle brauchen wir, um regionale Reallabore dauerhaft zu betreiben, über Förderperioden hinaus?
Drittens: Wie verankern wir Hochschulen, Schulen und Weiterbildungsanbieter so in der Region, dass sie zum dauerhaften Übersetzer zwischen Next Tech, Unternehmenspraxis und Beschäftigten werden – und damit die Rolle übernehmen, die ich in Japan mit TraFoNetz bereits skizziert habe?
Viertens: Wie schaffen wir es, größer zu denken und eine ambitionierte Vision für den Nordschwarzwald beziehungsweise ganz Deutschland zu entwerfen – inspiriert von Japans klaren Marktzielen, wie 25% globaler Marktanteil bei autonomen Fahrzeugen in den 2030er Jahren oder 5 Billionen Yen (rund 27 Milliarden Euro, Anm. d. Red.) in vertikaler KI bis 2030?
Japan setzt auf öffentlich-private Roadmaps mit konkreten Zielen, Investitionen und Wachstumszahlen für Schlüsseltechnologien wie autonomes Fahren, vertikale KI und fortschrittliche Materialien. Wir bräuchten eine vergleichbare nationale Strategie, die regionale Stärken wie den Nordschwarzwald als Automotive‑Transformation‑Hub mit globalen Zielen – beispielsweise führende Rolle in Robotik‑Fertigung oder nachhaltiger Mobilität – verknüpft, mit klaren Meilensteinen, Investitionssummen und Erfolgsindikatoren, um Mittelstand, Forschung und Politik hinter einer gemeinsamen Vision zu bündeln.
