Wenn Hitze auf die Wirtschaft schlägt

Neue Studie zeigt: Langanhaltende Hitzewellen erhöhen die Zahl der Krankmeldungen deutlich. Besonders betroffen sind Beschäftigte in körperlich anspruchsvollen Berufen. Für Unternehmen entstehen Millionenkosten.
Hohe Temperaturen belasten Beschäftigte zunehmend. Insbesondere bei körperlicher Arbeit im Freien steigen Gesundheitsrisiken und Fehlzeiten.Foto: ©KI-gestützter Inhalt

25.06.2026

Der Hitzeaktionstag am 11. Juni ist vorbei. Die Debatte über die Folgen hoher Temperaturen für Beschäftigte dagegen gewinnt weiter an Bedeutung.

Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), auf die der AOK-Bundesverband aufmerksam macht, liefert darauf erstmals belastbare Antworten. Die Untersuchung verknüpft Gesundheitsdaten von rund 9,7 Millionen AOK-versicherten Beschäftigten mit Wetterdaten und zeigt: Je länger eine Hitzewelle andauert, desto häufiger melden sich Beschäftigte krank. Die Studie befindet sich derzeit noch im wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren (Peer Review).

Mit jedem Hitzetag steigt das Risiko

Für die Analyse wurden die Daten von rund 9,7 Millionen AOK-versicherten Beschäftigten im Alter zwischen 25 und 59 Jahren aus den Jahren 2007 bis 2020 ausgewertet. Unterstützt wurde die Untersuchung vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO).

Das Ergebnis ist eindeutig: Bereits ein einzelner Tag mit Temperaturen von mehr als 30 Grad lässt die Zahl der Krankmeldungen um durchschnittlich 3,5 Prozent steigen. Bleibt die Hitze bestehen, wächst der Effekt deutlich. Nach drei aufeinanderfolgenden Hitzetagen liegt der Anstieg bereits bei fünf Prozent, nach einer Woche bei rund 10,8 Prozent.

Die Besonderheit der Studie liegt in ihrem Umfang. Erstmals konnten nicht nur schwere Erkrankungen, sondern das gesamte Spektrum gesundheitlicher Beeinträchtigungen erfasst werden, auch weniger gravierende Beschwerden, die dennoch zu Arbeitsausfällen führen.

Fehlzeiten kosten Unternehmen Millionen

Die gesundheitlichen Folgen schlagen sich unmittelbar in den Kosten nieder. Nach Berechnungen der Studienautoren verursacht bereits eine dreitägige Hitzewelle zusätzliche Aufwendungen von rund 32 Millionen Euro für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall , über alle Berufsgruppen hinweg.

Hinzu kommen wirtschaftliche Folgen, die sich deutlich schwerer beziffern lassen. Beschäftigte, die trotz großer Hitze zur Arbeit erscheinen, arbeiten häufig weniger produktiv. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Auswirkungen von Hitzewellen nicht mit dem Ende der hohen Temperaturen verschwinden. In den ersten vier Jahren nach einer mindestens dreitägigen Hitzewelle registrierten die Forschenden weiterhin erhöhte Ausgaben im Zusammenhang mit Arbeitsausfällen.

„Die Langzeit-Analyse auf Basis der AOK-Daten belegt somit, dass sich Hitzewellen auch längerfristig negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirken“, betont die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann. „Die Studie zeigt, dass Hitzeschutz nicht nur eine Frage des Wohlbefindens ist, sondern sich auch auf Fehlzeiten und Produktivität auswirken kann.“

Hitze trifft den ganzen Körper – und die Psyche

Die Analyse zeigt außerdem, dass Hitze weit mehr auslöst als klassische Kreislaufprobleme. Zwar nehmen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems erwartungsgemäß zu. Gleichzeitig steigen aber auch Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen, Hauterkrankungen, Beschwerden des Bewegungsapparates, Infektionskrankheiten und sogar Verletzungen.

Die Forschenden vermuten zudem, dass anhaltende Hitze bislang unerkannte Erkrankungen sichtbar machen kann.

„Anhaltende Hitze ist ein zusätzlicher Stressor, der ein ohnehin belastetes System aus dem Gleichgewicht bringen kann. Sie könnte somit auch dazu beitragen, latente Krankheitslasten aufzudecken“, sagt Hannah Heiliger, Mitautorin der Studie und Leiterin des „Policy Evaluation Lab“ des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. „Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Hitze nicht nur akute Gesundheitsnotfälle wie beispielsweise Schlaganfälle auslösen kann, sondern auch bestehende Erkrankungen und deren Symptome verschlimmert und dadurch Personen an der Grenze ihrer Arbeitsfähigkeit in den Krankenstand treibt.“

Wer draußen arbeitet, trägt das größte Risiko

Besonders stark betroffen sind Beschäftigte, die körperlich arbeiten oder regelmäßig im Freien tätig sind. Unter den 36 untersuchten Berufsgruppen verzeichnet die Studie das höchste Risiko für hitzebedingte Arbeitsausfälle in Transport und Logistik, der Fertigung, der Landwirtschaft sowie im Baugewerbe.

Deutlich geringer fällt das Risiko in Berufen der Informationstechnologie, im Bildungsbereich sowie in Rechts- und Verwaltungsberufen aus. Entwarnung geben die Forschenden dennoch nicht. Auch dort steigen die Krankmeldungen, wenn Hitzeperioden länger anhalten.

„Wir stellen allerdings auch in den Gruppen mit dem geringsten vorhergesagten Risiko einen Anstieg der Krankmeldungen fest, wenn Hitze länger anhält. Es wäre also falsch, sich bei Schutzmaßnahmen allein auf die vermeintlichen Hochrisikoberufe zu konzentrieren“, betont Studienautorin Heiliger.

Hitze verschärft soziale Ungleichheiten

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Hitzewellen bestehende Ungleichheiten am Arbeitsmarkt verstärken. Besonders belastet sind Beschäftigte in körperlich anstrengenden Berufen, deren Arbeitszeiten sich kaum flexibel an hohe Temperaturen anpassen lassen und die häufig über vergleichsweise geringe Einkommen verfügen.

„Das unterstreicht, dass Hitze ohnehin benachteiligte Bevölkerungsgruppen auch in der Arbeitswelt am stärksten beeinträchtigt“, so Hannah Heiliger.

Hitzeschutz wird zum Wettbewerbsfaktor

Die Studie macht deutlich, dass Hitze längst nicht mehr ausschließlich ein Thema des Arbeits- und Gesundheitsschutzes ist. Mit den häufiger werdenden Hitzewellen entwickelt sie sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Faktor. Fehlzeiten, sinkende Produktivität und langfristige Gesundheitsfolgen belasten Unternehmen ebenso wie die Sozialversicherungssysteme.

Für Arbeitgeber dürfte deshalb die Frage an Bedeutung gewinnen, wie sich Arbeitsplätze besser an extreme Temperaturen anpassen lassen – sei es durch flexible Arbeitszeiten, technische Maßnahmen oder konsequente Hitzeschutzkonzepte.

tm/pm