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Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Ein Konsortium will in Baden-Württemberg die Weltspitze für Künstliche Intelligenz (KI) erklimmen

Baden-Württemberg will eine führende Rolle als KI-Standort einnehmen. Ein ambitioniertes Vorhaben, denn China und die USA investieren Milliardenbeträge in den Ausbau der Künstlichen Intelligenz. Die Städte Stuttgart, Karlsruhe, Tübingen, Reutlingen und Pforzheim wollen nun dagegen halten. Mit der Gründung eines Konsortiums planen sie, einen KI-Innovationspark im Südwesten zu errichten.
Mehrere Regionen in Baden-Württemberg planen ein Konsortium zum Aufbau und Betrieb eines KI-Innovationsparks. ©Composing_GerdLache
©DorisLöffler

Von Gerd Lache | 25.01.2021

Einen solchen Schulterschluss begrüßt die Stadt Pforzheim sehr und erhofft sich, dass aus vermeintlichen Mitbewerbern nun Partnerregionen werden können, die gemeinsam der Künstlichen Intelligenz sowohl in den Bereichen Forschung und Entwicklung als auch in den zahlreichen Anwendungsgebieten einen wesentlichen Schub verleihen können.
Statement der Stadt Pforzheim zur beabsichtigten Gründung eines Betreiber-Konsortiums „KI-Innovationspark“ gemeinsam mit Stuttgart, Karlsruhe, Tübingen und Reutlingen

Den Startschuss zum Wettbewerbsrennen um den KI-Standort Baden-Württemberg hat Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) im November 2020 gegeben. Der Bewerbungsschluss wurde auf Ende Januar 2021 fixiert. Als heißer Kandidat für den Zuschlag ist bei Insidern zunächst die Rhein-Neckar-Region mit dem Werksgelände der Heidelberger Druckmaschinen AG in Wiesloch gehandelt worden. Jetzt hat die Metropolregion einen Rückzieher bekannt gegeben. Der Grund laut Rhein-Neckar-Zeitung: Die Bedingung, dass der Bewerber mindestens eine Summe in gleicher Höhe wie das Land in den Campus investieren müsse, nämlich 50 Millionen Euro. Diesen Betrag habe man in so kurzer Zeit nicht bereitstellen können.

Heilbronn sieht sich weiterhin prädestiniert, den Zuschlag zu bekommen. Denn die dortige Hochschule sei unter anderem mit dem Institut für Maschinelles Lernen aktiv. Für eine kurze Zeit hatte sich die Stadt Pforzheim vorgenommen, eine eigene Standort-Bewerbung einzureichen. Die Höhe der Investition und die Kürze der Zeit könnten zu einem Umdenken geführt haben. Auf Anfrage von WirtschaftsKRAFT teilte die Pressestelle der Verwaltung Pforzheim jetzt mit: „Zum Vorhaben des Landes Baden-Württemberg, das Zukunftsthema Künstliche Intelligenz durch die Förderung eines darauf ausgerichteten Innovationsparkes voranzutreiben, gibt es zwischenzeitlich die Überlegung, sich auf der Ebene der Region Nordschwarzwald in ein Konsortium der Regionen Stuttgart, Neckar-Alb und Karlsruhe einzubringen.“

Wie geht es nun weiter? Im Interview mit WirtschaftKRAFT nennt der Verbandsdirektor des Regionalverbandes Nordschwarzwald, Matthias Proske, den weiteren Verlauf. Gemeinsam mit Jochen Protzer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald (WFG), betreut er die Vorbereitungen zur Bewerbung um die Aufnahme in das Konsortium. (In Klammer jeweils Anmerkungen der Redaktion.)

Sie treiben für die Region Nordschwarzwald die Bewerbung um Aufnahme in ein Konsortium voran, das einen KI-Innovationspark einrichten und betreiben will: Regionalverbandsdirektor Matthias Proske (links) und WFG-Geschäftsführer Jochen Protzer.
©RVNSW; WFG / Composing_GerdLache

Wie weit sind die Pläne im Nordschwarzwald für eine Bewerbung als Teil des KI-Innovationspark-Konsortiums gediehen?

Matthias Proske: Die Region Nordschwarzwald stimmt derzeit die mögliche Beteiligung an einem Konsortium zusammen mit den Regionen Mittlerer Oberrhein (Karlsruhe), Stuttgart und  Neckar-Alb (Tübingen/Reutlingen) für einen überregionalen Wettbewerbsbeitrag ab. Dabei könnte die Stadt Pforzheim einen wichtigen Standort einbringen.

Wer sind die Verhandlungsakteure auf Seiten des Nordschwarzwaldes?

Die Region Nordschwarzwald hat – unter Federführung der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald GmbH (WFG) und des Regionalverbands – in einer ersten Phase eine Interessensbekundung abgegeben. Diese Interessensbekundung wurde in Abstimmung zwischen dem Aufsichtsratsvorsitzenden der WFG (Helmut Riegger, Calwer Landrat), dem Verbandsvorsitzenden des Regionalverbands (Bad Wildbads Bürgermeister Klaus Mack), dem Landrat des Enzkreises (Bastian Rosenau) und dem Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim (Peter Boch) ausgearbeitet. Beabsichtigt ist, dass die Wirtschaftsförderung stellvertretend für die Region Mitglied in der Dachstruktur einer Genossenschaft der beteiligten Konsortialpartner wird.

Sind Sie mit den potenziellen Konsortial-Partnern bereits in tiefer gehenden Verhandlungen?

Nach der generellen Interessensbekundung haben die Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald (WFG) und der Regionalverband die Gespräche intensiviert. Darauf kann nun aufgebaut werden. Die Bewerbung wird nun sukzessive gemeinsam mit der koordinierenden Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart voran getrieben (Stuttgart wird die Rolle des Konsortialführers übernehmen).

Das Land fordert vom Betreiber des KI-Innovationsparks eine Investitionssumme von 50 Millionen Euro. Hinzu kommen die laufenden Kosten für den Betrieb des KI-Parks. Wie soll dies finanziert werden?

Das sind Fragen, die es nun gilt, in den nächsten Wochen abzuarbeiten.

Mit welchen Vorzügen bringt sich Pforzheim in das Konsortium ein?

Die Lage Pforzheims an der Bundesautobahn (A8) und damit an einer infrastrukturellen Schlagader, die die beiden größten Städte des Landes miteinander verbindet, ist ein echtes Pfund. Stuttgart und Karlsruhe sind die Innovations-Hotspots in Baden-Württemberg. Die Sandwich-Position Pforzheims bietet dabei große Vorteile. Beide Großstädte sind von Pforzheim in etwa gleichen Zeiträumen gut erreichbar. Pforzheim als Eingangstor zum Schwarzwald bietet darüber hinaus auch hervorragende weiche Standortfaktoren, die für Investitionsentscheidungen zunehmend an Bedeutung gewonnen haben.

Und welche Wirkung könnte ein solches Projekt für Pforzheim entfalten?

Zweifellos wäre die Beteiligung an einem Konsortium für die Region und damit auch Pforzheim eine echte Chance. Damit könnte es auch gelingen, die rote Laterne bei der Innovationsfähigkeit aller zwölf Regionen Baden-Württembergs abzugeben. Die haben wir leider noch immer.

Wo könnte ein KI-Standort auf Gemarkung Pforzheim eingerichtet werden?

Es kommt nun darauf an, einen gemeinsamen Wettbewerbsbeitrag der genannten Regionen untereinander abzustimmen. Das bedeutet, dass die konkreten Standortfragen noch offen sind: hier ist von einer Fläche in einem Gewerbegebiet bis hin zu einer Bestandsimmobilie vieles denkbar.

Welche thematischen Inhalte soll der KI-Innovationspark haben, wie soll er personell ausgestattet sein?

Hierzu hat selbst die Landesregierung von Baden-Württemberg kaum eigene Vorstellungen. Bei dem Wettbewerbsverfahren handelt es sich demzufolge nicht nur um einen Standortwettbewerb, sondern auch um einen Wettstreit der besten Ideen für die Ausgestaltung des Innovationsparks. Klar ist, dass es kein herkömmliches Gewerbegebiet nach bekannter Prägung sein kann.

Wären die Digital Hubs Pforzheim, Nagold und Horb sowie das KI-Lab Nordschwarzwald mit der Einrichtung eines KI-Innovationsparks obsolet?

Ganz im Gegenteil! Diese Einrichtungen und Projekte können einen wichtigen Baustein für das Gesamtkonzept bilden, denn außer geeigneten Flächen braucht man ein tragfähiges Ökosystem, in dem die verschiedenen Institutionen und Akteure eng zusammenarbeiten.


VIDEO: Statement (Auszüge)der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) zum Wettbewerb für einen KI-Innovationspark während einer Online-Konferenz. ©Wirtschaftsministerium BW / Bearbeitung:GerdLache

Wenn KI das Drehbuch schreibt und den Film mit eigenen Avataren dreht

Von Gerd Lache

Für den Unternehmer und KI-Experten Carsten Kraus wäre ein zentraler Standort in Baden-Württemberg für einen KI-Innovationspark zwar die sinnvollere Lösung, wie er gegenüber WirtschaftsKRAFT deutlich macht. Allerdings sei es begrüßenswert, dass sich überhaupt etwas bewege. Kraus hat vor 20 Jahren mit seiner Firma Omikron Data Quality GmbH (Pforzheim) die Suchmaschinen-Software Factfinder erfolgreich am Markt etabliert, die unter anderem von großen etablierten Online-Shop-Betreibern genutzt wird. Sie erleichtert den Usern die Auffindbarkeit der Shop-Artikel und verbessert laut Omikron die Conversionsrate. Außerdem betreibt Kraus mehrere Digitalfirmen, gründet Startups und ist als Redner in Sachen KI unterwegs. Seine jüngst bekannt gewordene Gründung: Casablanca. Hier soll KI bei Web-Konferenzen dafür sorgen, dass sich die Gesprächspartner immer in die Augen schauen, auch wenn der reale Blick, wie so oft üblich, an der Kamera vorbei führt.

Die großen Wirtschaftsnationen der Welt würden das Thema KI bereits massiv vorantreiben, warnt Kraus. Neben den USA sei es vor allem China, das ehrgeizig die Weltmarktführerschaft in Künstlicher Intelligenz anstrebe. Allein eine einzige chinesische Metropole investiere mehr Kapital in KI, als das Budget von Baden-Württemberg es hergebe. Ein KI-Innovationspark Baden-Württemberg als Leuchtturm für das Land dürfe deshalb „nichts Kleines werden, das muss ein riesiger Turm sein“.

Trotz der massiven Konkurrenz in der Welt sieht Kraus dennoch gute Chance „für Deutschland und für Europa“, eine führende Rolle bei Künstlicher Intelligenz einzunehmen. Denn: „KI steht noch am Anfang, da wird sich noch vieles umschichten. Wir können Weltmeister werden“, ist er optimistisch. Denn: „An Erfindungen ist KI noch lange nicht ausgereizt.“

Voraussetzung sei, dass sich die Unternehmen öffnen, dem Thema KI Raum geben und agile Firmenkulturen schaffen. Es müssten Formate geschaffen werden, in den frei gedacht werden kann und „die Chefs auch zuhören können“. Wichtig sei die Möglichkeit, Fehler zu begehen und daraus zu lernen. „Wir brauchen Freiräume zum Experimentieren“, erklärt der Omikron-Chef. Nur so könnten auch die begehrten Fachkräfte aus aller Welt angelockt werden.

Pforzheim habe bezüglich dieser Beschäftigten gute Voraussetzungen. Wohnraum in den teuren Metropolen könnten oder wollten sich viele von ihnen nicht leisten. Da biete sich ideal der Raum Nordschwarzwald mit seinem Wohn-, Lebens- und Freizeitumfeld an.

Das „nächste große Ding“, das in Zusammenhang mit KI kommen werde, ist Kraus zufolge das autonome Fahren. Zudem es gebe schon zahlreiche weiterreichende Visionen. Beispiele: Künstliche Intelligenz schreibt ein Drehbuch, generiert die Schauspieler, sogenannte Avatare, dafür und dreht den Film. Oder: KI könne aufgrund einer reinen Textbeschreibung Bilder erzeugen: „Male einen Stuhl mit einer Blumenvase drauf.“ Erste Ansätze gebe es schon: „Mit KI wird sehr viel künstliche Kreativität aufkommen“, ist Kraus sicher.

©KarstenBrand

Was ist KI

Systeme von künstlicher Intelligenz (KI) – auch artifizielle Intelligenz (AI), englisch artificial intelligence (AI) genannt –  sind lernfähige, auf Algorithmen basierende Softwarecodes, die dazu dienen, intelligentes Problemlösungsverhalten zu imitieren. Unterschieden wird laut der Plattform „Wirtschaft digital Baden-Württemberg“ allgemein zwischen den Begriffen schwache und starke KI.

Starke KI soll eines Tages ähnlich wie der Mensch zu äußerst komplexen, logischen Denkprozessen fähig sein. Flächendeckend zum Einsatz kommt heute bereits die sogenannte schwache KI. Diese bezeichnet eine auf einen speziellen Bereich ausgerichtete künstliche Intelligenz, beispielsweise ein Schachcomputer, ein E-Mail-Spamfilter oder die Spracherkennung im Mobiltelefon. Schwache KI ist nur auf einen Bereich ausgerichtet und kann anhand von Erfahrungswerten keine Rückschlüsse auf andere Bereiche ziehen.

Zur Anwendung kommen KI-Systeme heute beispielsweise im Marketing: Chatbots bearbeiten eigenständig Anfragen von Kunden und geben Kaufempfehlungen an sie weiter. Auch Sprachsysteme in digitalen Assistenten für das Auto oder das Zuhause sind lernfähige KI-Systeme, die sich an die Bedürfnisse der Anwender und ihr Nutzungsverhalten anpassen. In der Medizin werden KI-Systeme immer häufiger verwendet, um Ärzten bei Diagnose- und Therapieentscheidungen zu unterstützen.

Auch in der Industrie kommt heute KI zum Einsatz. Verwendet werden IT-Systeme, die in der Lage sind, autonom zu handeln und teilweise selbständig Probleme zu lösen. Das Institut für Innovation und Technik identifiziert in einer Studie für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie insgesamt sieben verschiedene KI-Technologien in neun relevanten Anwendungsbereichen im produzierenden Gewerbe, unter anderem in der Wartung, Beschaffung und Produktionsplanung.

Ein Anwendungsbeispiel von KI sind autonom agierende Roboter, die mittlerweile in Industrielagern eingesetzt werden können, um automatisierte, fehlerarme Inventuren zu ermöglichen.

Mehr als 500 Wissenschaftler arbeiten beispielsweise am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) daran, derartige Technologielösungen im Bereich der KI zu erforschen. Auch das Fraunhofer IAIS und das Max Planck-Institut für Intelligente Systeme entwickeln KI-Technologien und erforschen ihre Anwendung. em/gel


Ein weiterer Beitrag zum Thema auf WirtschaftsKRAFT:

https://wirtschaftskraft.de/artikel/hochkaraeter-buhlen-um-millionenschweres-grossprojekt-ki-innovationspark-ist-die-region-um-pforzheim-aus-dem-rennen

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