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Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Herrmann Ultraschalltechnik

Mehr Produktionskapazität und höhere Beschäftigtenzahl – Herrmann Ultraschalltechnik expandiert weiter
©Herrmann Ultraschall

Von Gerd Lache

„Wir sind überall dort gefragt, wo zwei Kunststoffteile miteinander verbunden werden, also beispielsweise die zwei Halbschalen einer elektrischen Zahnbürste, einer Druckerpatrone oder eines Infusionssammlers aus der Medizintechnik.“

Thomas Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Herrmann Ultraschall

Der Marktführer in der Ultraschall-Schweißtechnologie wächst weiter. Bereits zum dritten Mal seit dem Firmenbezug 1974 hat die Herrmann Ultraschalltechnik GmbH & Co KG zum Ende des Jahres 2018 am Stammsitz in Karlsbad  erweitert. Weitere sogenannte Global Headquaters befinden sich in Nordamerika und Asien. Mit dem Erweiterungsbau bekennt sich das Unternehmen nach eigenen Angaben einerseits zum Standort Deutschland und setzt andererseits seine globale Strategie fort. An derzeit 24 Standorten in 18 Ländern werden Beratung, Service und Lieferqualität in den Hauptmärkten sichergestellt. Die Gruppe hatte zuletzt eine Exportquote von 66 Prozent.

Thomas Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung, empfing Vertreter von Mitgliedsunternehmen des wvib, Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden (Freiburg), zum Unternehmergespräch und Firmenrundgang in Karlsbad-Ittersbach. Wie er sagte, produziere man zwar keine Endverbraucherprodukte, aber dennoch komme jeder Konsument täglich mit mindestens einem Produkt in Berührung, das von den Maschinen der  Karlsbader in irgendeiner Form bearbeitet worden ist. Der Maschinen- und Systemlieferant für industrielle Ultraschalltechnologie ist nach eigenen Angaben „überall dort gefragt, wo zwei Kunststoffteile miteinander verbunden werden, also beispielsweise die zwei Halbschalen einer elektrischen Zahnbürste, einer Druckerpatrone oder eines Infusionssammlers aus der Medizintechnik“. Auch Spielzeug, Schreibgeräte und sogar Staubsaugerbeutel werden demnach mit Ultraschall geschweißt. Klassische Anwendungen im Automobilbereich seien Tachoinstrumente, Mittelkonsolen oder Cupholder, erläuterte Herrmann. Jährlich würden „mehr als 1000 maßgeschneiderte Kundenlösungen umgesetzt“. Unter den Auftraggebern sind Namen wie  Bosch, Gardena, Playmobil, Continental und Porsche sowie Nestlé.

In der Lebensmittelbranche spielt der Markenname Herrmann Ultraschall ebenfalls eine bedeutende Rolle: Dort werden  unter anderem Verpackungen von  Salat und Käse in Beuteln versiegelt oder Getränkekartons und Kaffeekapseln. Desweiteren kommen die Maschinen dann zum Einsatz, wenn das Laminieren und Prägen von Vliesstoffen, das Prägen von chirurgischen Gesichtsmasken oder die Herstellung von Babywindeln gefragt sind. Zahlreiche Patente sichern den technischen Vorsprung des Unternehmens, das 1961 von Walter Herrmann gegründet worden ist. Inzwischen sind dessen beide Kinder im Betrieb tätig, neben Sohn Thomas auch Tochter Sabine Herrmann-Brauss.

Thomas Herrmann ist mit ganzer Überzeugung  Mitglied im Freiburger Wirtschaftsverband, wie er beim wvib-Unternehmergespräch deutlich machte. Vor allem die sogenannten Chef-Erfas seien nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für die Firma ein wertvoller Impulsgeber. In diesen Erfahrungsaustausch-Gruppen treffen sich regelmäßig geschäftsführende Gesellschafter und Manager von nicht konkurrierenden Firmen. Sie  tauschen sich in diesen diskreten Runden beispielsweise über Herausforderungen und Problemlösungen aus. Hermann sagte: „Es gab noch nie eine Erfa-Sitzung, aus der ich nichts mitgenommen hätte.“ Ähnlich äußerten sich übrigens auch andere Firmenchefs, etwa Dr. Kurt Schmalz von der Nordschwarzwälder J. Schmalz GmbH aus Glatten bei Freudenstadt. Thomas Herrmann ist seit längerer Zeit auch im Vorstandsgremium des wvib aktiv. Der Verband hat mehr als 1000 Mitgliedsfirmen, dazu gehören beispielsweise Kramski und Witzenmann (Pforzheim) sowie OBE (Ispringen) und EGO (Oberderdingen), um nur einige zu nennen.

Die wvib-Unternehmerrunde besichtigte beim Firmenbesuch auch den dritten Erweiterungsbau.  Dazu nannte Herrmann folgende Eckdaten: Investiert wurden 22 Millionen Euro, vier Millionen davon fließen in neue Maschinen und Anlagen, um die Produktionskapazität zu erhöhen. Mit 3,5 Millionen Euro aus der Gesamtinvestition wurde der Altbestand saniert. Mit 14,5 Millionen Euro wurde der Neubau gestemmt, der sich auf einer Grundfläche von 8900 Quadratmetern erstreckt. Das gesamte Firmenareal beträgt 18.400 Quadratmeter. Auf allen Dachflächen sind Solarmodule installiert worden. Künftig will das Unternehmen einen Teil der benötigten Energie regenerativ produzieren. Die Leistung: 375.000 Kilowattstunden pro Jahr.

Bis 2021 sieht der Personalplan 180 neue Arbeitsplätze vor. Die Mitarbeiterzahl stieg den Angaben zufolge bisher schon um mehr als die Hälfte auf 420 am Stammsitz Karlsbad, 520 seien es weltweit. Der Bereich Medizintechnik soll weiterhin ausgebaut werden. Positive Signale kämen auch vom neuen Markt der E-Mobilität. Bei der Herstellung der dafür benötigten Lithium-Ionen-Batterien werde das Ultraschall-Metallschweißen eingesetzt. Herrmann Ultraschall hat zwei komplett neue Maschinen entwickelt, mit denen seit 2019 dieses „stark wachsende Marktsegment“ bedient wird. Der Gruppen-Umsatz habe sich innerhalb der vergangenen acht Jahre auf 82 Millionen Euro „mehr als verdoppelt“.

Mit der Erweiterung seien  „vier neue Ultraschall-Labore, eine Lean-optimierte Produktion und multifunktionale Arbeitswelten in der Verwaltung“ geschaffen worden.  Herrmann sagte: „Wir haben nicht nur erweitert, wir haben auch alle bestehenden Gebäude komplett modernisiert und zwar nach neuesten Gesichtspunkten.“ Starken Fokus lege das Unternehmen auf „Soft Factors“ wie moderne Arbeitsplätze und Nachhaltigkeitsinitiativen. Sie zählten heutzutage insbesondere „beim Kampf um Köpfe“.

Zu diesen weichen Faktoren gehören beispielsweise auch zwei Elektrofahrzeuge, die das Unternehmen seinen Mitarbeitern zur Verfügung stellt, „um kostenlos E-Mobilität auszuprobieren“, wie der Geschäftsführer sagte. Vier Stromtankstellen stehen auf dem Firmengelände bereit, auch für Kunden. Weitere Themen seien Arbeitszeitmodelle und Work-Life-Balance. Seit einiger Zeit arbeitet Herrmann Ultraschall an einer neuen Unternehmenskultur mit dem Leitsatz „Bonding – more than materials.“ Siehe dazu folgendes Interview mit Geschäftsführer Thomas Herrmann.

So funktioniert Ultraschall

Ultraschall aktiviert die Moleküle im Kunststoff mit bis zu 35 000 Schwingungen pro Sekunde. Es entsteht Reibungswärme. Dadurch verschmelzen die Komponenten miteinander – und zwar schnell, fest, ohne Rückstände und optisch einwandfrei. Fremdstoffe wie  Lösungsmittel beim Verkleben oder energiefressende Wärmeeinwirkung wie beim herkömmlichen Verschweißen entfallen. So gilt in der Lebensmittelbranche eine ultraschallgesiegelte Packung als saubere, wirtschaftliche Alternative zum sogenannten Heißsiegeln. gel

Wenn ein Sherpa die Mitarbeiter im Alltag begleitet

Herrmann Ultraschall nimmt in einem großangelegten Projekt  die Beschäftigten auf eine besondere Reise mit, um Menschen miteinander zu verbinden.

In einer ersten Runde wird der Ultraschallspezialist Herrmann aus Karlsbad bis Frühjahr/Sommer 2020 in rund 60 Workshops seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf eine neue Unternehmenskultur einstimmen, die unter anderem auf vier Werte abzielt. Über das großangelegte Projekt und seine Ziele informiert Thomas Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung, im Interview mit Wirtschafts-Kraft.

Beim Unternehmergespräch in Karlsbad erläutert Geschäftsführer Thomas Herrmann vor Mitgliedern des Wirtschaftsverbandes wvib die Funktionsweise der Herrmann-Ultraschall-Maschinen. © Gerd Lache
© Herrmann Ultraschall
Zwei Elektrofahrzeuge stehen für die Firmen-Mitarbeiter von Herrmann Ultraschall zur Verfügung, damit diese kostenlos die E-Mobilität testen können. © Gerd Lache
Thomas Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Herrmann Ultraschall. © Doris Löffler

Interview mit Thomas Herrmann

Herr Herrmann, Sie haben in Ihrem Unternehmen eine kulturelle Reise gemeinsam mit den Mitarbeitern angetreten. Wohin soll diese Culture Journey gehen?
Unser wichtigstes Ziel ist, dass wir ein zukunftssicherer und attraktiver Arbeitgeber bleiben. Wir wollen neue Wege beschreiten, um Kunden weiterhin für unsere Technologie und Mitarbeiter für unser Unternehmen zu begeistern. Deswegen haben wir unser Selbstverständnis, also unseren Leitgedanken - oder auf Englisch unser WHY - neu definiert. Dieser heißt ‚Bonding – more than materials‘ und bringt zum Ausdruck, dass wir nicht nur Materialien miteinander verbinden wollen, sondern auch alle Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen: Kunden, Mitarbeiter und deren Familien, Lieferanten, Partner, unsere Kommune – wir wollen uns untereinander und mit allen Interessensgruppen rund um unser Unternehmen werteorientiert verbinden. Als Grundlage dienen uns dazu vier neue Werte, die wir zeitgleich mit dem WHY für uns festgelegt haben. Sie lauten: Integrität, Wertschätzung, Leidenschaft und Resilienz. Um nun dieses neue Selbstverständnis und die neuen Werte im Unternehmen zu etablieren, gehen wir gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen auf eine Reise, unsere Culture Journey. Wir benutzen das Bild einer Reise, aber es geht nicht darum, eine definierte Zielmarke zu erreichen, sondern um die kontinuierliche und spürbare Umsetzung unseres WHY für alle Interessensgruppen, intern wie extern.
Wie sind Vorgehensweise und Ablauf eines solch gewaltigen Projekts?
Als Instrumente dienen uns Workshops, Camps genannt, sowie fortlaufende Teamentwicklungs- und Feedbackrunden. Die Culture Journey ist ein andauernder Prozess, der vor allem im Berufsalltag stattfindet und somit hat die Reise kein definiertes Ende, sondern wir reden von den Camps als logischen Zwischenetappen. Angestoßen im Januar 2019 geht es nun darum, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Camp 1 erreichen, also den ersten initialen Workshop durchlaufen. Wir sprechen von circa 60 Workshops bis Frühjahr/Sommer 2020.
Welche Themen werden dort bearbeitet?
Zentral ist die persönliche Auseinandersetzung mit unserem WHY und unseren Werten. Jeder Mitarbeiter soll für sich individuell erarbeiten, welche Bedeutung daraus im Alltag entsteht. Außerdem geht es um die Vermittlung von Methodik, wie man kritische Situationen anspricht, und die gemeinsame Weiterentwicklung als Team. Das wird gefördert durch Team-Spiele und Feedbackrunden. Als Basis für die Standortbestimmung der Teams nutzen wir die fünfstufige Teampyramide nach Patrick Lencioni und konzentrieren uns im Camp 1 auf Verbesserungspotentiale der beiden unteren Stufen, also Vertrauen und Konfliktbereitschaft. Die bisherigen Erfahrungen sind sehr ermutigend, die Mitarbeiter fühlen sich ernst genommen und das Feedback ist positiv.
Wo finden die Workshops statt?
Die allesamt zweitägigen Workshops für Camp 1 finden außerhalb der Firma, meistens in einem Tagungshotel in der näheren Umgebung zwischen Kraichgau und Schwarzwald statt. Hier hat man Ruhe, befindet sich fernab der betrieblichen Zwänge und kann sich ganz anders mit der Teamdynamik auseinandersetzen.
Wer berät Sie bei dem Projekt, haben Sie externe Unterstützung?
Bei der Erarbeitung des WHY und der Werte wurde der oberste Führungskreis der Firma von einem erfahrenen externen Coach unterstützt. Zur unternehmensweiten Etablierung und Festigung unseres WHY dient jetzt die Culture Journey, wofür wir Mitarbeiter als interne Coaches ausgebildet haben. Wir nennen diese Mitarbeiter Sherpa. Da die Culture Journey nicht nur ein Workshop ist, sondern tagtäglich gelebt werden soll, begleiten die Sherpas die Teams auch im Alltag.
Gibt es Akzeptanz-Unterschiede, je nach Alter oder Geschlecht?
Nein, wir stellen eine hohe Akzeptanz und einen hohen Level an Begeisterung fest. Ist jemand dem Projekt gegenüber zurückhaltend, hat dies weniger mit Alter und Geschlecht zu tun, als vielmehr mit einer generellen Skepsis gegenüber großen Veränderungen.
Was sind bisher Ihre persönlichen Erfahrungen?
Ein Kulturwandel dieser Größe lässt sich nicht per Knopfdruck aktivieren. Jeder nimmt Umstände anders wahr und benötigt vor allem Zeit, die Veränderung zu verinnerlichen und anzunehmen. Geduld ist wichtig und die Bereitschaft, Ressourcen dafür bereitzustellen. Aber das war im Vorfeld bereits klar.

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