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Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Die Blockchain kann mehr als Bitcoin.

Sie kann auch Jobs von Banken, Notaren oder Vermögensverwalter übernehmen. Wirtschaftskraftredakteurin Tanja Meckler sprach mit Prof. Dr. Hannes Hartenstein über digitale Goldgräberstimmung, das Verwalten von kryptographischen Geheimnissen und darüber, warum der romantisch anmutende Vergleich der Blockchain mit einer Perlenkette hinkt.
Prof. Dr. Hannes Hartenstein, Institutionsleiter, KIT, KASTEL – Institut für Informationssicherheit und Verlässlichkeit, Foto: KIT/Andreas Drollinger

Wie erklären Sie sich den derzeitigen Hype um Bitcoin und Blockchain?

Wer das Geheimnis hat, der hat den Besitz. Und wenn Sie Ihr Geheimnis vergessen oder verlieren, ist auch der zugehörige Wert weg.
Prof. Dr. Hannes Hartenstein

Ich glaube, dass der Hype einerseits allgemein auf der digitalen Transformation der Finanzbranche beruht, andererseits auf der Menge an Kapital, das Vermögenswerte sucht. Darüber hinaus fasziniert die dezentrale Organisationsform: die Teilnahme oder Teilhabe soll durch geringere Transaktionsgebühren und durch Stückelung von Werten in kleinere Einheiten erschwinglicher werden. Und Blockchains können an der Automatisierung der Vertragsdurchsetzung, bei sogenannten Smart Contracts, mitwirken, da ist der Phantasie kaum eine Grenze gesetzt. Und das zusammen führt derzeit zu einer Art Goldgräberstimmung.

Blockhain, heißt übersetzt Block-Kette, könnte man sie, romantisch ausgedrückt, auch Perlenkette nennen, mit dem Unterschied das zB. eine einzige Perle so viel wert sein kann, wie die gesamte Kette?

Ich vermute, dass eine Perle, die aus einer Schmuckkette herausgenommen wird, immer noch einen hohen Wert haben kann. Das ist bei der Blockchain anders: ein Block hat ohne die Kette typischerweise keinen Wert. Die Kette attestiert, dass ein vorhandener Block für alle Teilnehmer Gültigkeit hat – und auf diese Gültigkeit kommt es an.

Wann wurde die Blockchain-Technologie erfunden, wer steckt dahinter?

Die Idee zu Bitcoin wurde 2008 veröffentlicht. Die Geschichte hat das Zeug zur Mythenbildung: der oder die „Erfinder/in“ hat mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto agiert, es ist bis heute nicht klar, wer dahintersteckt. Wer immer es war, der oder die war/en genial.

Wofür wird eine Blockchain gebraucht? Was sind vielversprechende Bereiche?

Unter dem Begriff „Blockchain“ werden dezentrale Verfahren verstanden, mit denen digitale Vermögenswerte und Rechte dokumentiert und übertragen werden können. Dabei werden Daten in Form von Blöcken an eine Kette von solchen Blöcken angehängt. Die Dezentralität bedeutet dabei, dass es keine Abhängigkeit von einer einzelnen Institution gibt, oft kann jede/r bei der Blockchain mitwirken und eine Kopie bei sich speichern. Damit gehen eine hohe Robustheit und Sicherheit vor Fälschung einher und die Möglichkeit, Dokumentation und Übertragungen öffentlich zu verifizieren. Das klingt alles erst einmal recht abstrakt, aber für Zahlungssysteme oder die Vermögensverwaltung sind diese Systeme hochinteressant. Bitcoin ist natürlich das Paradebeispiel, aber auch Anteile an Immobilien oder sogar an Wein oder an Kunstwerken werden mittlerweile über Blockchains verwaltet.

Nehmen Sie uns mal mit in die Welt von Bitcoin, Kryptowährung und Blockchain. Was sind die wichtigsten Begriffe? Wie könnte ein kleines ABC für Laien aussehen?

Das „BC“ von „ABC“ steht sicherlich erst einmal für Block und Chain 😉 Und das „A“ würde ich als „Asset“, also Vermögenswert, oder „Access“, also Zugriffs- oder Nutzungsrecht, sehen. Dann brauchen wir noch das „D“ für „dezentral“ – und dann haben wir das Wichtigste schon beisammen. Vor 20 Jahren wurde „ABC“ als Abkürzung für „Always Best Connected“ verwendet, das sollte man auch nicht vergessen: wenn Sie nicht ins Internet kommen, kommen Sie auch nicht an die Blockchain. Im Netz kursieren übrigens weitere Blockchain-ABCs.

Wie funktioniert eine Blockchain? Was sind die typischen Merkmale?

Grob gesagt werden Übertragungen von digitalen Vermögenswerten oder Rechten in einem Block gespeichert, so ein Block wird, wenn alles korrekt ist, an die vorhandene Kette gehängt. Das Anhängen eines Blocks erfolgt kryptographisch gesichert, so dass ein nachträgliches Abändern eines Blocks sehr aufwändig wäre. Die Kette der Blöcke wird dezentral gespeichert, sprich bei den Teilnehmern der Blockchain. Deshalb müssen Transaktionen, die in die Kette aufgenommen werden sollen, und Blöcke, die erstellt worden sind, auch im gesamten zugrundeliegenden Netz der Teilnehmer schnellstmöglich verteilt werden. Auf unserer Webseite https://dsn.kastel.kit.edu/bitcoin/videos.html kann man Videoclips anschauen, wie schnell diese Daten global verteilt werden. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist in den letzten Jahren sehr schnell geworden.

Was sind die Vorteile? Warum liegen Blockchain Anwendungen so im Trend? Ist die Blockchain die nächste digitale Revolution?

Die Erstellung von Blöcken erfolgt durch die sogenannten Miner, die im Wettbewerb zu einander stehen. Das hat den Vorteil, dass man nicht an einer einzigen Institution hängt, der man vertrauen muss. Zudem ist die Korrektheit der Blöcke typischerweise öffentlich überprüfbar. Und ein unberechtigtes Abändern der Blockchain ist zwar nicht unmöglich, aber eben ausgesprochen aufwändig. Genau genommen leistet damit die Blockchain-Technologie Tätigkeiten, die bislang Banken, Vermögensverwalter oder Notare durchgeführt haben, aber der Trend liegt nun in der dezentralen Organisationsform. Diese digitale Revolution ist schon in vollem Gange.

Welche neuen Blockchain-Anwendungen faszinieren Sie zur Zeit?

Als Laie finde ich die Non-Fungible Tokens interessant, wie etwa das digitale Bild von Beeple, was es neulich zu über 60 Millionen US-Dollar gebracht hat. Ganz nachvollziehen kann ich das nicht, aber eine gewisse Faszination strahlt so etwas schon aus. Als Informatik-Forscher widme ich mich weniger den Anwendungen als der Sicherheit und Verlässlichkeit dezentraler Systeme. Da haben wir am KIT das Kompetenzzentrum für Angewandte Sicherheitstechnologie KASTEL, in dem an der nachvollziehbaren Sicherheit in einer vernetzten Welt geforscht wird – mit Expertinnen und Experten nicht nur aus der Informatik, sondern auch aus der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft.

Wie sicher ist eine Blockchain? Wo werden die Daten gespeichert?

Zunächst einmal ist die Bindung etwa eines Vermögenswerts oder eines Nutzungsrechts an eine Person durch ein Geheimnis gegeben, welches die Person verwalten muss. Und wir alle wissen: Geheimnisse sind gar nicht leicht zu bewahren, das gilt auch für kryptographische Geheimnisse. Denken Sie beispielsweise an all die Passwörter, die Sie verwalten müssen. Kurzum, wenn Sie selbst die Geheimnisse für Ihre Bitcoins auf Ihrem Rechner liegen haben, sind Sie ein interessantes Angriffsziel: wer das Geheimnis hat, der hat den Besitz. Und wenn Sie Ihr Geheimnis vergessen oder verlieren, ist auch der zugehörige Wert weg. Wenn Sie aber jemanden Dritten die Verwahrung anvertrauen, etwa einer Bank, dann geben Sie etwas von der schon ausgeführten Unabhängigkeit der Dezentralität wieder ab. Es bleibt also bei dem Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung. Die Datenspeicherung der Blockchain selbst ist allerdings sehr robust: jede/r Teilnehmer kann selbst die Blockchain bei sich speichern.

Gibt es weitere Risiken?

Auf der technischen Seite besteht ein Risiko, dass es doch noch Sicherheitslücken gibt. Und auch auf neuer Technologie funktionieren diverse alte Betrugsmaschen. Zudem ist eine Blockchain ja typischerweise öffentlich, da lässt selbst die Nutzung von Pseudonymen auch Querbezüge mit anderen Aktionen im Netz zu, die Privatsphäre ist also möglicherweise nicht so stark geschützt, wie es oft behauptet wird. Auf der Seite der Anwendung und dem gesellschaftlichen Nutzen stellt sich immer die Frage, wofür die Technologie genutzt wird: über die Ausgabe von „Tokens“ mit Hilfe der Blockchain-Technologie könnte auch Verhalten belohnt werden. Je nachdem wer so etwas betreibt, ist der Weg zu einem „Social Scoring“, also einem Bewertungssystem von sozialem Verhalten, auch nicht mehr so weit. Hier ist kritisches Denken notwendig.

Hat die Blockchain eine Grenze, ist sie irgendwann fertig? Wann macht es Sinn sie zu beenden? Wieviel Speicherplatz wird dafür gebraucht?

Eine Blockchain ist „fertig“, wenn es kein Interesse mehr gibt, einen (korrekten) Block an die Blockchain zu hängen. Das könnte etwa passieren, wenn die eingesetzten kryptographischen Verfahren als unsicher gelten oder andere Sicherheitslücken des Systems bekannt werden. Es kann aber auch ganz banal sein, dass es einfach kein Interesse mehr gibt. Die Größe der Bitcoin-Blockchain wird sogar bei Statista angegeben: derzeit sind es etwa 320 Gigabytes.

Ist die größte Anwendung derzeit die Versendung von Bitcoins?

Nach Marktkapitalisierung ist Bitcoin ganz klar die größte Anwendung: CoinMarketCap gibt für Bitcoin derzeit etwas mehr als eine Billion US-Dollar an.

Bei Bitcoinübertragungen wird gesagt, dass alle Daten anonym sind, wie kann man da Missbrauch vorbeugen, zB. Geldwäsche etc.?

Ich würde eher von einer Pseudonymität sprechen: mit einem gewissen Aufwand ist die/der Handelnde oft durchaus identifizierbar, da Uhrzeit oder Betrag einer Überweisung öffentlich sichtbar sind. Aber natürlich besteht auch ein Missbrauchspotential durch die Pseudonymität: Lösungen hierzu benötigen einen Ordnungsrahmen des Gesetzgebers oder des Regulierers.

Wenn eine Bitcoinzahlung getätigt wurde und es wurde falsch überwiesen, gibt es eine Option die Transaktion rückgängig zu machen?

Wenn Sie an die falsche Adresse überwiesen haben, sind die Bitcoins erst einmal weg. Technisch könnte man so etwas wie eine „Verschweigezeit“ realisieren, eine Rücküberweisung geht natürlich auch dann, wenn der Empfänger diese anstößt. Die Frage ist also eher die, wo Streitigkeiten geschlichtet oder entschieden werden. Und hierbei sieht man auch Grenzen von Dezentralität: die Streitparteien möchten dann doch gerne eine Schlichtungsstelle haben, der beide vertrauen.

Warum sind die Schwankungen der Bitcoinwährung so groß?

Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern Informatiker, insofern kann ich das nicht kompetent beantworten. Ich vermute, dass es auf der einen Seite die Zweifel an der Fehlerfreiheit der Technik und der Organisationsform gibt, auf der anderen Seite die hohen Gewinnversprechungen. Und wie bei Gruppendynamik oft zu beobachten ist: das Pendel schwenkt weit von einem Extrem zum anderen.

Gibt es seitens der Politik neue Gesetze?

Ja, die Bundesregierung war in den letzten Jahren sehr aktiv, auch wenn die Blockchain-Strategie und die zugehörige Gesetzgebung in der öffentlichen Wahrnehmung durch andere Themen stark verdrängt wurde. Die Blockchain-Strategie der Bundesregierung wurde im September 2019 veröffentlicht, seit Anfang 2020 gibt es klare Spielregeln für den Umgang mit „Krypto Assets“ und seit letztem Dezember liegt ein vom Bundeskabinett beschlossener Gesetzentwurf für elektronische Wertpapiere vor. Ich meine, dass Deutschland hier auf der Höhe der Zeit agiert. Die Kunst für die Politik liegt darin, Freiheit für Innovation mit einem notwendigen Ordnungsrahmen zu verbinden – das ist keine einfache Aufgabe.

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