4.9.2026
von Sandra Gallian
Wilhelm Rieber, Jahrgang 1958, bringt nicht nur alte Zeitmesser wieder zum Laufen. In seiner Werkstatt fertigt er außergewöhnliche Uhren vollständig von Hand – Teil für Teil, mit Feile, Lupe und höchster Präzision. Seine Spezialität ist das fliegende Tourbillon, eine der anspruchsvollsten Konstruktionen der Uhrmacherei. Damit bewahrt Rieber unweit der Goldstadt Pforzheim ein Handwerk, das vom Aussterben bedroht ist. Nach eigenen Angaben ist er weltweit der einzige Uhrmacher, der ein solches Uhrwerk mit seinen bis zu 160 Bauteilen vollständig von Hand fertigt.
Auf die Frage, an welchem neuen Zeitmesser er derzeit arbeitet, antwortet Wilhelm Rieber überraschend: „An gar keinem.“ Nach zwei Jahren intensiver Arbeit an seinem bisher anspruchsvollsten Tourbillon brauche er eine Pause von der Neuanfertigung. Reparaturen und Revisionen führt er weiterhin aus. „Das war das schwierigste Projekt, das ich jemals gemacht habe“, sagt Rieber über sein jüngstes Werk.
In seinem weißen Kittel sieht Wilhelm Rieber ein wenig aus wie ein Arzt – wären da nicht die außergewöhnlichen Knöpfe, die ihn daher fast wie einen Künstler wirken lassen. Die Lupe vor das Auge geklemmt, sitzt er an seinem Uhrmachertisch, dessen Arbeitsplatte sich auf Schulterhöhe befindet. Stundenlang, Tag für Tag, über viele Monate hinweg.
Die besondere Herausforderung liegt nach der Konstruktion der Teile vor allem in der Feinstmechanik. Bauteile von gerade einmal zwei Hundertstel Millimeter müssen von Hand geschliffen, gefeilt und poliert werden. Jeder Arbeitsschritt verlangt höchste Konzentration und lässt kaum Spielraum für Fehler. Länger als vier Stunden am Stück könne er diese Präzisionsarbeit nicht ausführen, sagt Rieber – danach brauche er Abstand von der Uhr.

Dass Wilhelm Rieber einmal Uhrmacher werden würde, zeichnete sich früh ab. Er stammt aus einer Familie, in der dieses Handwerk bereits seit dem 18. Jahrhundert weitergegeben wird. Schon sein Großvater erkannte das besondere Geschick des Enkels. Mit acht Jahren nahm Rieber seine erste Armbanduhr auseinander und setzte sie wieder instand.
Aus der kindlichen Neugier wurde schließlich ein Beruf – und aus dem Beruf eine Leidenschaft. Nach seiner Ausbildung machte Rieber mit außergewöhnlichen Leistungen auf sich aufmerksam und wurde Bundessieger im Leistungswettbewerb. Später besuchte er die Meisterschule in Villingen-Schwenningen. Dort begegnete ihm eine Konstruktion, die seinen weiteren Weg entscheidend prägen sollte: das Tourbillon.
„Ich war vom Mechanismus so fasziniert, dass er mich nie wieder losgelassen hat“, erzählt er.

Der französische Begriff Tourbillon bedeutet übersetzt „Wirbelwind“. Der Name beschreibt die Bewegung im Inneren des Uhrwerks: Mehrere für den Gang der Uhr entscheidende Komponenten befinden sich in einem filigranen Käfig, der sich fortlaufend um die eigene Achse dreht. Entwickelt wurde das Prinzip um 1800, um die Ganggenauigkeit mechanischer Taschenuhren zu verbessern.
Bei Riebers Uhren bleibt diese Konstruktion sichtbar. Durch eine Öffnung im Zifferblatt lässt sich beobachten, wie sich das fein gearbeitete Gebilde gleichmäßig bewegt. Technik und Gestaltung gehen dabei ineinander über. Das Uhrwerk misst nicht einfach nur die Zeit – es macht sie sichtbar.
Rieber fertigt sogar die besonders anspruchsvolle Variante des fliegenden Tourbillons. Anders als bei klassischen Ausführungen scheint die Konstruktion frei im Uhrwerk zu schweben. Nur sehr wenige Spezialisten beherrschen diese Fertigungsweise vollständig von Hand.

Neben einer ruhigen Hand braucht Rieber Geduld, räumliches Vorstellungsvermögen und ein genaues Verständnis dafür, wie die Kraft durch das gesamte Werk geleitet wird. Am Anfang jeder Uhr steht eine Idee. Größe, Gehäuse, Zifferblatt und technische Ausführung stimmt er individuell auf den späteren Besitzer ab. Anschließend baut er das Werk in jener Reihenfolge auf, in der die Energie darin weitergegeben wird – von der Kraftquelle bis zum fein regulierten Gang. In der Regel beschäftigt ihn eine solche Anfertigung bis zu einem Jahr.
Sein erstes eigenes Tourbillon entstand zwischen 1984 und 1988. Vier Jahre lang las, rechnete, zeichnete und experimentierte er, bis die Konstruktion so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte.

Nach Monaten konzentrierter Arbeit kommt für Rieber immer der spannendste Moment: Das fertig montierte Werk beginnt erstmals zu schwingen. Diesen Augenblick begeht er traditionell mit dem „Schwingfest“. Wenn möglich, erlebt der Auftraggeber mit, wie der Mechanismus zum ersten Mal in Bewegung gesetzt wird. Die Tradition geht auf Alfred Helwig zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts das fliegende Tourbillon entwickelte. Für Rieber markiert das Ritual den Abschluss eines langen Entstehungsprozesses. Aus Metall, Berechnungen und unzähligen Arbeitsschritten ist ein funktionierender Zeitmesser geworden.
Wie außergewöhnlich seine Arbeit ist, zeigen auch besondere Aufträge. Rieber fertigte bereits einen Chronometer für den siebenfachen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher und entwickelte ein Tourbillon für Maybach. Eine weitere Kreation entstand teilweise auf dem Atlantik: Für eine Schiffsreise von New York nach Hamburg mit Hapag Lloyd nahm er einen eigens zerlegbaren Uhrmachertisch mit an Bord. Während der Überfahrt konnten die Reisenden verfolgen, wie er an dem späteren „Transatlantik-Tourbillon“ arbeitete. Das Schwingfest fand noch auf dem Schiff statt.

Neben eigenen Konstruktionen widmet sich Rieber der Reparatur und Restaurierung mechanischer Uhren. Auf seinem Arbeitstisch liegt ein Chronograph neben historischen Taschenuhren. Auch große Pendel- und Tischuhren bringt er wieder zum Laufen.
Besonders am Herzen liegen ihm historische Werke von Philipp Matthäus Hahn. Der Pfarrer, Erfinder und Mechaniker von der Schwäbischen Alb entwickelte im 18. Jahrhundert unter anderem Uhren und Präzisionswaagen. Über das dortige Philipp-Matthäus-Hahn-Museum ist Rieber seiner ursprünglichen Heimat bis heute verbunden. Werden seltene Werke des Erfinders restauriert, ist seine Expertise gefragt.

Mit Sorge beobachtet Rieber, dass immer weniger junge Menschen die traditionellen Techniken der Uhrmacherei erlernen. Maschinen können Bauteile zwar mit höchster Präzision fertigen, das über Generationen gewachsene Wissen jedoch nicht ersetzen. Fehlen künftig Fachleute, die historische Konstruktionen verstehen und von Hand bearbeiten können, wird auch deren Erhalt zunehmend schwieriger. Für Rieber braucht es in diesem Beruf weit mehr als handwerkliches Geschick: „Du musst dafür brennen, Leidenschaft, unglaublich viel Energie und kreatives Denken mitbringen.“ Für seinen Erfolg sei zudem die Unterstützung seiner Frau Marlene entscheidend. Sie trage seine Arbeit nach außen und habe ein besonderes Gespür dafür, „zur richtigen Zeit die richtige Idee für das Marketing“ zu entwickeln. Riebers eigener Anspruch gilt nicht nur dem gerade vollendeten Werk, sondern immer schon dem nächsten – ganz im Sinne eines Ausspruchs, der Enzo Ferrari zugeschrieben wird. Auf die Frage nach seinem besten Auto soll dieser geantwortet haben: „Das nächste.“

4.9.2026
von Sandra Gallian
Wilhelm Rieber, Jahrgang 1958, bringt nicht nur alte Zeitmesser wieder zum Laufen. In seiner Werkstatt fertigt er außergewöhnliche Uhren vollständig von Hand – Teil für Teil, mit Feile, Lupe und höchster Präzision. Seine Spezialität ist das fliegende Tourbillon, eine der anspruchsvollsten Konstruktionen der Uhrmacherei. Damit bewahrt Rieber unweit der Goldstadt Pforzheim ein Handwerk, das vom Aussterben bedroht ist. Nach eigenen Angaben ist er weltweit der einzige Uhrmacher, der ein solches Uhrwerk mit seinen bis zu 160 Bauteilen vollständig von Hand fertigt.
Auf die Frage, an welchem neuen Zeitmesser er derzeit arbeitet, antwortet Wilhelm Rieber überraschend: „An gar keinem.“ Nach zwei Jahren intensiver Arbeit an seinem bisher anspruchsvollsten Tourbillon brauche er eine Pause von der Neuanfertigung. Reparaturen und Revisionen führt er weiterhin aus. „Das war das schwierigste Projekt, das ich jemals gemacht habe“, sagt Rieber über sein jüngstes Werk.
In seinem weißen Kittel sieht Wilhelm Rieber ein wenig aus wie ein Arzt – wären da nicht die außergewöhnlichen Knöpfe, die ihn daher fast wie einen Künstler wirken lassen. Die Lupe vor das Auge geklemmt, sitzt er an seinem Uhrmachertisch, dessen Arbeitsplatte sich auf Schulterhöhe befindet. Stundenlang, Tag für Tag, über viele Monate hinweg.
Die besondere Herausforderung liegt nach der Konstruktion der Teile vor allem in der Feinstmechanik. Bauteile von gerade einmal zwei Hundertstel Millimeter müssen von Hand geschliffen, gefeilt und poliert werden. Jeder Arbeitsschritt verlangt höchste Konzentration und lässt kaum Spielraum für Fehler. Länger als vier Stunden am Stück könne er diese Präzisionsarbeit nicht ausführen, sagt Rieber – danach brauche er Abstand von der Uhr.

Dass Wilhelm Rieber einmal Uhrmacher werden würde, zeichnete sich früh ab. Er stammt aus einer Familie, in der dieses Handwerk bereits seit dem 18. Jahrhundert weitergegeben wird. Schon sein Großvater erkannte das besondere Geschick des Enkels. Mit acht Jahren nahm Rieber seine erste Armbanduhr auseinander und setzte sie wieder instand.
Aus der kindlichen Neugier wurde schließlich ein Beruf – und aus dem Beruf eine Leidenschaft. Nach seiner Ausbildung machte Rieber mit außergewöhnlichen Leistungen auf sich aufmerksam und wurde Bundessieger im Leistungswettbewerb. Später besuchte er die Meisterschule in Villingen-Schwenningen. Dort begegnete ihm eine Konstruktion, die seinen weiteren Weg entscheidend prägen sollte: das Tourbillon.
„Ich war vom Mechanismus so fasziniert, dass er mich nie wieder losgelassen hat“, erzählt er.

Der französische Begriff Tourbillon bedeutet übersetzt „Wirbelwind“. Der Name beschreibt die Bewegung im Inneren des Uhrwerks: Mehrere für den Gang der Uhr entscheidende Komponenten befinden sich in einem filigranen Käfig, der sich fortlaufend um die eigene Achse dreht. Entwickelt wurde das Prinzip um 1800, um die Ganggenauigkeit mechanischer Taschenuhren zu verbessern.
Bei Riebers Uhren bleibt diese Konstruktion sichtbar. Durch eine Öffnung im Zifferblatt lässt sich beobachten, wie sich das fein gearbeitete Gebilde gleichmäßig bewegt. Technik und Gestaltung gehen dabei ineinander über. Das Uhrwerk misst nicht einfach nur die Zeit – es macht sie sichtbar.
Rieber fertigt sogar die besonders anspruchsvolle Variante des fliegenden Tourbillons. Anders als bei klassischen Ausführungen scheint die Konstruktion frei im Uhrwerk zu schweben. Nur sehr wenige Spezialisten beherrschen diese Fertigungsweise vollständig von Hand.

Neben einer ruhigen Hand braucht Rieber Geduld, räumliches Vorstellungsvermögen und ein genaues Verständnis dafür, wie die Kraft durch das gesamte Werk geleitet wird. Am Anfang jeder Uhr steht eine Idee. Größe, Gehäuse, Zifferblatt und technische Ausführung stimmt er individuell auf den späteren Besitzer ab. Anschließend baut er das Werk in jener Reihenfolge auf, in der die Energie darin weitergegeben wird – von der Kraftquelle bis zum fein regulierten Gang. In der Regel beschäftigt ihn eine solche Anfertigung bis zu einem Jahr.
Sein erstes eigenes Tourbillon entstand zwischen 1984 und 1988. Vier Jahre lang las, rechnete, zeichnete und experimentierte er, bis die Konstruktion so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte.

Nach Monaten konzentrierter Arbeit kommt für Rieber immer der spannendste Moment: Das fertig montierte Werk beginnt erstmals zu schwingen. Diesen Augenblick begeht er traditionell mit dem „Schwingfest“. Wenn möglich, erlebt der Auftraggeber mit, wie der Mechanismus zum ersten Mal in Bewegung gesetzt wird. Die Tradition geht auf Alfred Helwig zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts das fliegende Tourbillon entwickelte. Für Rieber markiert das Ritual den Abschluss eines langen Entstehungsprozesses. Aus Metall, Berechnungen und unzähligen Arbeitsschritten ist ein funktionierender Zeitmesser geworden.
Wie außergewöhnlich seine Arbeit ist, zeigen auch besondere Aufträge. Rieber fertigte bereits einen Chronometer für den siebenfachen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher und entwickelte ein Tourbillon für Maybach. Eine weitere Kreation entstand teilweise auf dem Atlantik: Für eine Schiffsreise von New York nach Hamburg mit Hapag Lloyd nahm er einen eigens zerlegbaren Uhrmachertisch mit an Bord. Während der Überfahrt konnten die Reisenden verfolgen, wie er an dem späteren „Transatlantik-Tourbillon“ arbeitete. Das Schwingfest fand noch auf dem Schiff statt.

Neben eigenen Konstruktionen widmet sich Rieber der Reparatur und Restaurierung mechanischer Uhren. Auf seinem Arbeitstisch liegt ein Chronograph neben historischen Taschenuhren. Auch große Pendel- und Tischuhren bringt er wieder zum Laufen.
Besonders am Herzen liegen ihm historische Werke von Philipp Matthäus Hahn. Der Pfarrer, Erfinder und Mechaniker von der Schwäbischen Alb entwickelte im 18. Jahrhundert unter anderem Uhren und Präzisionswaagen. Über das dortige Philipp-Matthäus-Hahn-Museum ist Rieber seiner ursprünglichen Heimat bis heute verbunden. Werden seltene Werke des Erfinders restauriert, ist seine Expertise gefragt.

Mit Sorge beobachtet Rieber, dass immer weniger junge Menschen die traditionellen Techniken der Uhrmacherei erlernen. Maschinen können Bauteile zwar mit höchster Präzision fertigen, das über Generationen gewachsene Wissen jedoch nicht ersetzen. Fehlen künftig Fachleute, die historische Konstruktionen verstehen und von Hand bearbeiten können, wird auch deren Erhalt zunehmend schwieriger. Für Rieber braucht es in diesem Beruf weit mehr als handwerkliches Geschick: „Du musst dafür brennen, Leidenschaft, unglaublich viel Energie und kreatives Denken mitbringen.“ Für seinen Erfolg sei zudem die Unterstützung seiner Frau Marlene entscheidend. Sie trage seine Arbeit nach außen und habe ein besonderes Gespür dafür, „zur richtigen Zeit die richtige Idee für das Marketing“ zu entwickeln. Riebers eigener Anspruch gilt nicht nur dem gerade vollendeten Werk, sondern immer schon dem nächsten – ganz im Sinne eines Ausspruchs, der Enzo Ferrari zugeschrieben wird. Auf die Frage nach seinem besten Auto soll dieser geantwortet haben: „Das nächste.“

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