Steigende Preise für Silber und Gold verändern die Spielregeln der Schmuckbranche

Die Preise für Silber und Gold haben in den vergangenen Monaten und Jahren deutlich angezogen und setzen die Schmuck- und Edelmetallindustrie spürbar unter Anpassungsdruck. Während Gold zunehmend als Wertanker in unsicheren Zeiten fungiert, rückt auch Silber immer stärker in den Fokus – nicht nur als Schmuckmaterial, sondern als strategisch relevanter Rohstoff für Industrie und Energiewende. Im Gespräch mit Wirtschaftskraft ordneten Dr. Guido Grohmann und Kerstin Gatzlaff die Entwicklungen und ihre Folgen für Unternehmen ein.
Nach Angaben von Kerstin Gatzlaff, Vorstandsmitglied der Sparkasse Pforzheim Calw, hat sich der Goldpreis innerhalb der vergangenen zwei Jahre in US-Dollar gerechnet mehr als verdoppelt. Analysten erwarten weitere Steitungen. Foto: Sparkasse Pforzheim Calw

20.1.2026

von Sandra Gallian

Besonders der Silberpreis verzeichnete eine dynamische Aufwärtsbewegung. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Preis nach Marktbeobachtungen in etwa verdreifacht. Treiber dieser Entwicklung ist vor allem die stark wachsende industrielle Nachfrage. Silber ist unverzichtbar für Photovoltaik-Module, Halbleiter, Elektronik und Anwendungen in der Wasserstofftechnologie. Gleichzeitig bleibt das Angebot begrenzt: Silber wird überwiegend als Nebenprodukt anderer Metalle gefördert, neue Kapazitäten entstehen nur langsam. Hinzu kommt eine hohe geografische Konzentration der Förderung in wenigen Ländern wie Mexiko, Peru und China, was die Versorgung anfällig für geopolitische Spannungen macht. Vor diesem Hintergrund stuften unter anderem die USA, die Europäische Union, Japan und zuletzt auch China Silber als kritischen oder strategisch wichtigen Rohstoff ein – ein Faktor, der den Preis mittelfristig zusätzlich stützt.

Silber im Spannungsfeld von Industrie, Energiewende und begrenztem Angebot

Für die Schmuckindustrie hat diese Entwicklung direkte Folgen. Steigende Rohstoffpreise erhöhen die Materialkosten und erschweren die Kalkulation. Hersteller reagieren mit angepassten Kollektionen, geringeren Materialeinsätzen, stärkerem Fokus auf Design, Handarbeit und Individualisierung sowie dem vermehrten Einsatz von recyceltem Silber. Gleichzeitig verändert sich die Wahrnehmung auf Konsumentenseite: Silberschmuck wird zunehmend als langlebiges Produkt mit eigenem Materialwert wahrgenommen und verliert den Charakter eines kurzfristigen Modeaccessoires. Hochwertige, handgefertigte oder limitierte Stücke profitieren besonders von diesem Wandel.

Auch der Goldpreis hat eine außergewöhnliche Entwicklung genommen. Nach Angaben von Kerstin Gatzlaff, Vorstandsmitglied der Sparkasse Pforzheim Calw, hat sich der Goldpreis innerhalb der vergangenen zwei Jahre in US-Dollar gerechnet mehr als verdoppelt. Im Oktober 2025 wurde erstmals die Marke von 4.000 US-Dollar je Unze überschritten, für Ende 2026 erwarten einige Analysten Preise nahe 5.000 US-Dollar. Getrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch geopolitische Spannungen, umfangreiche Goldkäufe von Zentralbanken – insbesondere aus Schwellenländern – sowie durch einen zeitweise schwächeren US-Dollar und sinkende Zinsen. In einem solchen Umfeld suchen Investoren verstärkt sichere Häfen, wovon Gold, aber zunehmend auch Silber profitiert.

Dr. Guido Grohmann, Geschäftsführer der Vereinigung der Bundesverbände des Deutschen Schmuck- und Silberwarengewerbes (BVSU), betonte im Gespräch mit Wirtschaftskraft, dass steigende Edelmetallpreise für die Branche zwar herausfordernd seien, aber keine grundlegend neuen Probleme darstellten. Preisanpassungen seien notwendig und in den vergangenen Jahren auch deutlich häufiger geworden, insbesondere bei Gold, dessen Preis sich innerhalb von drei Jahren etwa verdoppelt habe. Die Prozesse in der Branche hätten sich jedoch kaum verändert. Tagesaktuelle Preise, etwa bei individuellen Anfertigungen wie Trauringen, seien längst etabliert.

Gleichzeitig habe sich das Angebot weiter diversifiziert. Wenn sich Endkundinnen und Endkunden Produkte aus höheren Legierungen nicht mehr leisten könnten oder wollten, stünden Alternativen wie niedrigere Goldlegierungen, Weißgold, Palladium oder Platin zur Verfügung. Gerade Palladium mit 600er-Legierung habe an Attraktivität gewonnen. Im Uhrenbereich wiederum rückten Materialien wie Stahl und Silber stärker in den Fokus. Der große Trauringmarkt ermögliche es zudem, über Konfiguratoren passgenaue Lösungen für unterschiedliche Budgets anzubieten.

Auf Unternehmensebene wirken sich hohe Preise auch auf Lagerhaltung und Beschaffung aus. Steigende Edelmetallwerte erhöhen den Kapitalbedarf und beeinflussen Versicherungs- und Finanzierungskosten. Zudem kann es bei Halbzeugen zu längeren Lieferzeiten kommen. Unternehmen achten daher stärker auf eine optimierte Lagerhaltung und flexiblere Beschaffungsstrategien.

Gold als sicherer Hafen: Rekordpreise und ihre Auswirkungen auf Markt und Branche

Aus Sicht der Sparkasse Pforzheim Calw zeigen sich die Auswirkungen der Preisentwicklung auch im Anlageverhalten. Münzen und Barren werden seit einigen Monaten wieder verstärkt nachgefragt, was die Produktionskapazitäten regionaler Hersteller auslastet und teilweise zu längeren Lieferzeiten führt. Gleichzeitig sichern sich viele mittelständische Betriebe ihren Materialbedarf inzwischen in kleineren, gestaffelten Käufen ab, um das Risiko starker Preisschwankungen zu reduzieren.

Hohe Edelmetallpreise bergen jedoch nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Ein hoher Goldpreis steigert den Wert vorhandener Lagerbestände und kann die Ertragslage verbessern. Zudem erleichtert die Betonung der Werthaltigkeit von Edelmetallen im Schmuck die Argumentation höherer Endpreise. Unternehmen, die zusätzlich auf lokale Handwerkskunst, transparente Herkunft und nachhaltige Beschaffung setzen, können sich klar vom Wettbewerb abheben und die Kundenbindung stärken.

Nicht zuletzt verstärkt das wachsende Interesse an Edelmetallen als Anlageform die Nachfrage nach physischem Material. In Deutschland wird dieser Effekt derzeit durch ein starkes Recyclinggeschäft abgefedert. Hohe Preise motivieren viele Verbraucherinnen und Verbraucher, alten Schmuck, Münzen oder Zahngold zu verkaufen, das anschließend wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird. Auch regionale Institute wie die Sparkasse Pforzheim Calw profitieren von dieser Entwicklung und verzeichnen eine steigende Nachfrage nach Altgoldankäufen.

Insgesamt zeigen die aktuellen Preisentwicklungen bei Silber und Gold einen strukturellen Wandel: Edelmetalle gewinnen weiter an strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Für die Schmuckindustrie bedeutet dies weniger kurzfristige Trends, dafür mehr Fokus auf Werthaltigkeit, Flexibilität und nachhaltige Geschäftsmodelle – eine Entwicklung, die die Branche langfristig prägen dürfte.

Hauptstelle der Sparkasse Pforzheim Calw mit der preisgekrönten Ausstellung »Gold.Geld.Gesellschaft«. Foto: Sparkasse Pforzheim Calw

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