Mit Schafen lernen, erleben und staunen

Mit Herz, Hand und Haltung - Tobias Mühlthaler bringt mit seinen Schafen Kinderaugen zum Leuchten. Auf seinem Hof im Nordschwarzwald zeigt der Landwirt, dass Schafzucht mehr sein kann als Fleisch und Wolle. Bei Schafwanderungen, Kindergeburtstagen oder Schulbesuchen bringt er Groß und Klein die Natur näher – mit viel Herz, nachhaltigen Ideen und einer großen Portion Idealismus.
Tobias Mühlthaler kennt jedes seiner Schafe mit Namen. Foto: Sandra Gallian

27.08.2025

„Ich will den Tieren ein gutes Leben geben – und den Menschen zeigen, wie Landwirtschaft wirklich ist.“
Tobias Mühlthaler

von Sandra Gallian

Ein Hof, der mehr bietet als Wolle und Fleisch

In Hamberg, einem kleinen Ort im Nordschwarzwald, lebt Tobias Mühlthaler seine ganz eigene Vision von Landwirtschaft. Mit seiner „Tobis Schafzucht“ hat er einen Betrieb aufgebaut, der weit über die klassische Tierhaltung hinausgeht: Hier wird nicht nur gezüchtet, sondern auch vermittelt, erklärt, erlebt. Ob bei Schafwanderungen, Kindergeburtstagen oder Schulklassenbesuchen – Mühlthaler bringt Groß und Klein die Welt der Tiere und der Landwirtschaft näher.

Vom Fuchsschaf zum Bildungshof

Alles begann 2018 mit drei Schafen – und einem Pferdeanhänger. Als Nebenerwerbslandwirt mit Wurzeln in der Landwirtschaft verliebte sich Mühlthaler in das Coburger Fuchsschaf, eine alte, vom Aussterben bedrohte Rasse. „Die Tiere sind robust, anspruchslos und einfach tolle Mütter“, erzählt er. Heute leben 38 Schafe und Lämmer auf seinen Wiesen – darunter auch besondere Charaktere wie Frida, Frieder und Greta, die er mit der Flasche großgezogen hat.

„Ich erkenne jedes Schaf am Gesicht – und an der Stimme“, sagt er mit einem Lächeln. Kein Wunder: Jedes Tier hat einen Namen, einen Steckbrief – und für manche gibt es sogar eine Patenschaft.

Jedes Schaf hat seinen ganz eigenen Charakter. Foto: Tobias Mühlthaler

Der Einfluss der Liebe – und ein neuer Weg

Als seine Freundin – Vegetarierin – in sein Leben trat, stellte er vieles in Frage. „Sie hat mir erst mal ordentlich die Meinung gesagt“, erzählt Mühlthaler mit einem Lachen. Aus Liebe – und Überzeugung – reduzierte er die Fleischvermarktung und entwickelte neue Konzepte, um den Hof zu finanzieren.

Tobias Mühlthaler schlachtet weiterhin Lämmer und Rinder – aber in deutlich kleinerem Umfang als früher. Früher hat er 30 bis 40 Lämmer im Jahr vermarktet, heute nur noch einen Bruchteil davon. „Mir war Fleisch immer bewusst – jetzt noch mehr. Ich finde: Wer Fleisch isst, sollte wissen, wo es herkommt.“

Nachhaltig und unabhängig

„Ich wollte immer wie früher wirtschaften“, erklärt der Landwirt. Heu und Silage produziert er selbst, um unabhängig von großen Futtermittelhändlern zu sein. Auch bei der Vermarktung setzt er auf regionale Partnerschaften.

Ein Glücksfall sei dabei die Zusammenarbeit mit dem Hirsch Genusshandwerk in Bad Liebenzell, einem Michelin-Restaurant, das saisonal kocht und Tiere vollständig verarbeitet. „Da weiß ich, dass jedes Teil verwendet wird. Das fühlt sich richtig an.“

Das Fleisch seiner Tiere geht zudem an regionale Partner wie die Landmetzgerei Eberhard in Merklingen.

Ein vielseitiges Angebot von Events rund ums Schaf bietet Tobis Schafzucht in Möttlingen. Foto: Sandra Gallian

Vom Acker in den Kindergarten: Landwirtschaft zum Anfassen

Was heute das Herzstück von Tobis Schafzucht ist, entstand eher zufällig. Die zündende Idee kam – wie so oft – von einem Kind aus der Nachbarschaft. Es fragte ganz schlicht: „Können wir eigentlich auch mal mit den Schafen spazieren gehen?“ Tobias Mühlthaler erinnert sich: „Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das klappt. Aber wir haben es einfach ausprobiert – und es war ein voller Erfolg.“

Seitdem gehören die Schafwanderungen fest zum Angebot – genauso wie Kindergeburtstage auf der Weide und Besuche von Schulklassen und Kindergärten, bei denen Kinder Landwirtschaft mit allen Sinnen erleben dürfen.

„Die Kinder kommen den Tieren ganz nah, lernen, wie Landwirtschaft funktioniert – mit allen Sinnen.“
Ein besonders bewegender Moment: „Eine Schulklasse mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen war zu Besuch. Anfangs war viel Unruhe. Doch als sie merkten, dass die Schafe bei lautem Verhalten wegliefen, wurden sie ruhiger. Am Ende lagen die Tiere neben den Kindern im Gras. Das war fast schon therapeutisch.“

Gemeinsam mit den Schafen unterwegs – entschleunigend, nahbar und voller Naturmomente. Foto: Tobias Mühlthaler

Mobiler Schafstall fürs Geburtstagsfest

Weil das ständige Hin- und Herfahren der Schafe zum Geburtstagseinsatz aufwendig war, hat Mühlthaler kurzerhand einen fahrbaren Schafstall gebaut – ein kleiner Holzanhänger, mit dem er Kinder direkt zu den Tieren bringt. „So feiern wir direkt auf der Wiese – mit bis zu zehn Kindern.“

Allein 2023 fanden über 55 Kindergeburtstage bei ihm statt – ohne Werbung, nur durch Empfehlungen. Dazu kommen rund 30 Schul- und Kindergartenbesuche im Jahr.

In dem mobilen Häuschen kann der Kindergeburtstag auf der Schafwiese gefeiert werden. Foto: Tobias Mühlthaler

Wolle, die verbindet

Ein weiterer Baustein: die Schafwolle. Diese wird in einer spezialisierten Wollmanufaktur verarbeitet. Mühlthaler erhält dafür Wollgutscheine, mit denen er Bastelaktionen mit Kindern durchführt – ein kreativer, nachhaltiger Kreislauf.

„So wird wirklich alles vom Tier genutzt – das Fell, die Wolle, das Fleisch. Es geht um Wertschätzung.“

Auch die Wolle der Schafe wird verwendet, zum Beispiel zum Basteln und Filzen. Foto: Tobias Mühlthaler

Tierpatenschaften – eine neue Form der Verbindung

Wer sich dauerhaft mit einem Schaf verbinden möchte, kann eine Patenschaft übernehmen. Für 180 Euro im Jahr finanziert man Futter und Pflege – und erhält im Gegenzug ein „eigenes“ Schaf, das besucht und geknuddelt werden darf. Mühlthaler: „Die Leute suchen sich das Tier nach Charakter aus – manche wollen ein besonders Dickköpfiges, andere ein ganz Zutrauliches.“

Rinder mit Geschichte: Partnerschaft auf dem zweiten Hof

Neben den Schafen kümmert sich Mühlthaler inzwischen auch um Rinder – in Kooperation mit dem Weidachhof in Möttlingen. Gemeinsam mit dem Inhaber hat er 2024 eine GbR gegründet. Dort betreibt er eine Jungviehaufzucht – mit Kälbern vom Leimenäckerhof, die deutlich länger bei ihren Müttern bleiben dürfen als üblich. Nach zwei Jahren werden sie geschlachtet – ebenfalls regional und vollständig verwertet.

Tobias Mühlthaler ist ein junger Landwirt mit vielen Ideen. Foto: Tobias Mühlthaler

Tobis Schafzucht ist kein klassischer Hof, sondern ein Ort der Begegnung. Zwischen Weide und Wollkorb, zwischen Stallgeruch und Kinderlachen gelingt Tobias Mühlthaler, was viele für unmöglich halten: Er führt Menschen behutsam zurück zur Landwirtschaft – ehrlich, greifbar und mit viel Herz.

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