13.2.2026
von Sandra Gallian
Die quirlige, fröhliche Dame trägt eine schwarz-weiß gemusterte, perfekt sitzende Seidenbluse und eine elegante schwarze Hose, und blickt aus ihrer Wohnung im 17. Stock über die Schwäbische Alb bis zum Hohenasperg. Hier lebt sie seit 33 Jahren mit ihrem zweiten Mann – und hier befindet sich auch ihr kleines Atelier, in einem Zimmer der 130 qm großen Wohnung. Zwischen Garnrollen, Nähmaschinen und maßgeschneiderten Stücken empfängt die 84-jährige Damenschneidermeisterin nach wie vor ihre Kundinnen, viele von ihnen sind ihr seit Jahrzehnten treu geblieben.

„Das Nähen, das Handwerk – das liegt in unserer Familie“, erzählt Dietlinde Seydel-Röthke. Schon ihre Mutter war Damenschneiderin und Modistin. Auch die Großmutter väterlicherseits führte ein Schneideratelier in Schlesien. 1945 floh die Familie nach Deutschland.
Eigentlich wollte Dietlinde Seydel-Röthke studieren, wollte Lehrerin werden, wie der Vater. Das war aber in den 60er Jahren nicht möglich. So legte sie 1967 mit 25 Jahren ihre Meisterprüfung ab. Nach einem Jahr im Angestelltenverhältnis fasste sie einen mutigen Entschluss: „Was die Schwaben können, das Geld da rausziehen, das kann ich auch selbst.“ Zwei Jahre später, mit 27 Jahren, gründete sie 1969 in Bad Cannstatt mit einer Gesellin und zwei Lehrlingen ihr eigenes Atelier.
„Damals hat man sich noch den Mantel zu Weihnachten schneidern lassen, nicht nur Mode für besondere Anlässe“, erinnert sie sich. Ihre Werbung: kleine Anzeigen im Wochenblättle – einfach aber sehr wirksam. In den folgenden Jahren beschäftigte Dietlinde Seydel-Röthke bis zu zehn Mitarbeiter und bildete über 70 Lehrlinge aus.
Als ihr Mann in Rente ging, gab sie das Atelier in Bad Cannstatt auf – eröffnete aber im Hochhaus ein neues, kleines Atelier.
Jedes Stück, das sie anfertigt, ist echtes Handwerk: „Ich nehme Maß und erstelle davon den Schnitt. Jeder Stoff ist anders, jeder Schnitt muss perfekt passen.“ Jedes Stück ist genau für die bestimmte Person angefertigt, jedes Teil ein Unikat.
Besonders stolz sei sie auf einen Auftrag aus den 70ern: ein Ledermantel aus blauem Nappaleder mit pinken Paspeln. „Die normale Nähmaschine hat mittendrin den Geist aufgegeben. Am nächsten Nachmittag haben wir eine Ledernähmaschine gekauft.“
„In unserem Beruf hört man ja nicht auf“, sagt Dietlinde Seydel-Röthke. Der Beruf ist ihr Leben und bereitet Freude. „Egal, ob es die Jacke ist mit dem selben Innenfutter wie die Bluse oder ein Hochzeitskleid – ohne Leidenschaft geht es nicht.“

Seit den 90er-Jahren hat sich das „Schneidern-Lassen“ stark verändert. Konfektionsware und schnelle Kollektionen haben den Markt übernommen. Die Kunden kaufen zwar mehr, aber oft günstiger. „Früher durfte keine Kundin dasselbe Kleid tragen – ein absolutes No-Go!“, lacht sie.
Vom Schneiderhandwerk leben zu können, sei heute kaum noch möglich, erklärt Dietlinde Seydel-Röthke. „Man gibt locker Geld in der Autowerkstatt aus, aber einen Stundensatz von 48 Euro fürs Schneidern? Das will sich kaum jemand mehr leisten“, sagt sie. „In einer Welt voller Fast Fashion steht mein Handwerk für das genaue Gegenteil: für Qualität, für Langlebigkeit, für Kleidung, die Bestand hat. Viele Menschen kennen nur den Preis, aber nicht den Wert.“ Mode sei heutzutage so schnelllebig, dabei liege der eigentliche Wert doch darin, ein Kleidungsstück oft zu tragen und lange Freude daran zu haben, sich darin wohl zu fühlen.
Noch immer geht sie aus – ins Theater, auf den Landespresseball, zu gesellschaftlichen Events. „Natürlich achte ich bei solchen Anlässen immer darauf, was andere tragen – und oft finde ich es schrecklich. Man verkleidet sich ja fürs Ausgehen, man sollte sich schon Gedanken machen, was man anzieht. Jogginghosen bei gesellschaftlichen Events? Für Dietlinde Seydel-Röthke völlig undenkbar.“ Ihre eigenen Stücke sitzen dafür perfekt: Ärmel, Länge, Passform – alles passt, alles ist aufeinander abgestimmt.
Ab dem ersten Tag der Selbständigkeit war es Dietlinde Seydel-Röthke ein Anliegen, Mitglied in der Schneiderinnung zu sein, bis heute. Diese Organisation ist wichtig für den Erfahrungsaustausch, für das Netzwerk, Lieferantenadressen und die Weiterbildung zum Beispiel in Form von Seminaren.

Viele Modenschauen hat Dietlinde Seydel-Röthke in den vergangenen Jahren konzipiert und organisiert – von den ersten im Atelier in Bad Cannstatt bis zu großen Events im Kursaal in Bietigheim-Bissingen, in der Liederhalle in Stuttgart, der Schwabenlandhalle in Fellbach oder zuletzt 2019 im Karlsruher Präsidium. Wichtig war ihr immer: Mode muss tragbar sein und die Menschen glücklich machen. „Ich habe ganze Familien eingekleidet – von Hochzeitsgesellschaften bis zu Festen. Nur im persönlichen Kontakt entstehen die Stücke, in denen man sich wirklich wohlfühlt.“
Dass sie sich ihrem Beruf immer noch zutiefst verbunden fühlt, merkt man der heiteren Schneidermeisterin an – und so möchte sie laut eigener Aussage noch lange nähen, weil sie sagt: „Mode ist ein Stück Lebensfreude, die man tragen kann.“
13.2.2026
In unserem Beruf hört man nicht auf. Ohne Leidenschaft geht es nicht.
von Sandra Gallian
Die quirlige, fröhliche Dame trägt eine schwarz-weiß gemusterte, perfekt sitzende Seidenbluse und eine elegante schwarze Hose, und blickt aus ihrer Wohnung im 17. Stock über die Schwäbische Alb bis zum Hohenasperg. Hier lebt sie seit 33 Jahren mit ihrem zweiten Mann – und hier befindet sich auch ihr kleines Atelier, in einem Zimmer der 130 qm großen Wohnung. Zwischen Garnrollen, Nähmaschinen und maßgeschneiderten Stücken empfängt die 84-jährige Damenschneidermeisterin nach wie vor ihre Kundinnen, viele von ihnen sind ihr seit Jahrzehnten treu geblieben.

„Das Nähen, das Handwerk – das liegt in unserer Familie“, erzählt Dietlinde Seydel-Röthke. Schon ihre Mutter war Damenschneiderin und Modistin. Auch die Großmutter väterlicherseits führte ein Schneideratelier in Schlesien. 1945 floh die Familie nach Deutschland.
Eigentlich wollte Dietlinde Seydel-Röthke studieren, wollte Lehrerin werden, wie der Vater. Das war aber in den 60er Jahren nicht möglich. So legte sie 1967 mit 25 Jahren ihre Meisterprüfung ab. Nach einem Jahr im Angestelltenverhältnis fasste sie einen mutigen Entschluss: „Was die Schwaben können, das Geld da rausziehen, das kann ich auch selbst.“ Zwei Jahre später, mit 27 Jahren, gründete sie 1969 in Bad Cannstatt mit einer Gesellin und zwei Lehrlingen ihr eigenes Atelier.
„Damals hat man sich noch den Mantel zu Weihnachten schneidern lassen, nicht nur Mode für besondere Anlässe“, erinnert sie sich. Ihre Werbung: kleine Anzeigen im Wochenblättle – einfach aber sehr wirksam. In den folgenden Jahren beschäftigte Dietlinde Seydel-Röthke bis zu zehn Mitarbeiter und bildete über 70 Lehrlinge aus.
Als ihr Mann in Rente ging, gab sie das Atelier in Bad Cannstatt auf – eröffnete aber im Hochhaus ein neues, kleines Atelier.
Jedes Stück, das sie anfertigt, ist echtes Handwerk: „Ich nehme Maß und erstelle davon den Schnitt. Jeder Stoff ist anders, jeder Schnitt muss perfekt passen.“ Jedes Stück ist genau für die bestimmte Person angefertigt, jedes Teil ein Unikat.
Besonders stolz sei sie auf einen Auftrag aus den 70ern: ein Ledermantel aus blauem Nappaleder mit pinken Paspeln. „Die normale Nähmaschine hat mittendrin den Geist aufgegeben. Am nächsten Nachmittag haben wir eine Ledernähmaschine gekauft.“
„In unserem Beruf hört man ja nicht auf“, sagt Dietlinde Seydel-Röthke. Der Beruf ist ihr Leben und bereitet Freude. „Egal, ob es die Jacke ist mit dem selben Innenfutter wie die Bluse oder ein Hochzeitskleid – ohne Leidenschaft geht es nicht.“

Seit den 90er-Jahren hat sich das „Schneidern-Lassen“ stark verändert. Konfektionsware und schnelle Kollektionen haben den Markt übernommen. Die Kunden kaufen zwar mehr, aber oft günstiger. „Früher durfte keine Kundin dasselbe Kleid tragen – ein absolutes No-Go!“, lacht sie.
Vom Schneiderhandwerk leben zu können, sei heute kaum noch möglich, erklärt Dietlinde Seydel-Röthke. „Man gibt locker Geld in der Autowerkstatt aus, aber einen Stundensatz von 48 Euro fürs Schneidern? Das will sich kaum jemand mehr leisten“, sagt sie. „In einer Welt voller Fast Fashion steht mein Handwerk für das genaue Gegenteil: für Qualität, für Langlebigkeit, für Kleidung, die Bestand hat. Viele Menschen kennen nur den Preis, aber nicht den Wert.“ Mode sei heutzutage so schnelllebig, dabei liege der eigentliche Wert doch darin, ein Kleidungsstück oft zu tragen und lange Freude daran zu haben, sich darin wohl zu fühlen.
Noch immer geht sie aus – ins Theater, auf den Landespresseball, zu gesellschaftlichen Events. „Natürlich achte ich bei solchen Anlässen immer darauf, was andere tragen – und oft finde ich es schrecklich. Man verkleidet sich ja fürs Ausgehen, man sollte sich schon Gedanken machen, was man anzieht. Jogginghosen bei gesellschaftlichen Events? Für Dietlinde Seydel-Röthke völlig undenkbar.“ Ihre eigenen Stücke sitzen dafür perfekt: Ärmel, Länge, Passform – alles passt, alles ist aufeinander abgestimmt.
Ab dem ersten Tag der Selbständigkeit war es Dietlinde Seydel-Röthke ein Anliegen, Mitglied in der Schneiderinnung zu sein, bis heute. Diese Organisation ist wichtig für den Erfahrungsaustausch, für das Netzwerk, Lieferantenadressen und die Weiterbildung zum Beispiel in Form von Seminaren.

Viele Modenschauen hat Dietlinde Seydel-Röthke in den vergangenen Jahren konzipiert und organisiert – von den ersten im Atelier in Bad Cannstatt bis zu großen Events im Kursaal in Bietigheim-Bissingen, in der Liederhalle in Stuttgart, der Schwabenlandhalle in Fellbach oder zuletzt 2019 im Karlsruher Präsidium. Wichtig war ihr immer: Mode muss tragbar sein und die Menschen glücklich machen. „Ich habe ganze Familien eingekleidet – von Hochzeitsgesellschaften bis zu Festen. Nur im persönlichen Kontakt entstehen die Stücke, in denen man sich wirklich wohlfühlt.“
Dass sie sich ihrem Beruf immer noch zutiefst verbunden fühlt, merkt man der heiteren Schneidermeisterin an – und so möchte sie laut eigener Aussage noch lange nähen, weil sie sagt: „Mode ist ein Stück Lebensfreude, die man tragen kann.“
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