KI macht Hörgeräte immer besser – aber der Mensch bleibt entscheidend

Kann Künstliche Intelligenz Menschen mit Hörminderung helfen? Kann sie möglicherweise sogar bald das Hörvermögen komplett wiederherstellen? Fabian Böhm, Inhaber von BÖHM Hörakustik in Pforzheim sagt: ja und nein.
Künstliche Intelligenz macht Hörhilfen immer leistungsfähiger. Davon profitieren auch die Kunden von BÖHM Hörakustik. Foto: KI-generiert/kaundvau

21.07.2026

„KI ist ein sehr starkes Werkzeug, aber kein Zauberstab. Denn sie kann weder das Ohr, noch den Menschen, noch die Erfahrung eines guten Hörakustikers ersetzen.“
Fabian Böhm, Inhaber BÖHM Hörakustik
„Wir nutzen Technologien wie KI ausschließlich dort, wo sie dem Menschen dient“, sagt Fabian Böhm, Inhaber von BÖHM Hörakustik. Foto: Johanna Lohr

Ein Hörgerät ist heute längst nicht mehr einfach nur ein kleiner Verstärker am Ohr. Moderne Hörsysteme analysieren in Sekundenbruchteilen die akustische Umgebung: Sitzt der Hörende gerade in einem ruhigen Raum, im Restaurant oder fährt er Auto? Kommt Sprache von vorne, von der Seite oder aus mehreren Richtungen gleichzeitig? Gibt es Geschirrklappern, Musik oder Stimmengewirr? Genau hier setzt Künstliche Intelligenz an, erklärt Fabian Böhm, Gründer und Inhaber von Pforzheims größtem unabhängigen Hörakustik-Zentrum: „Moderne KI-Hörsysteme können akustische Muster blitzschnell erkennen und unterscheiden. Dadurch können sie Sprache gezielter hervorheben und störende Geräusche besser reduzieren.“

Lernende Systeme reagieren auf wechselnde Hörumgebungen

Konventionelle Rauschunterdrückung, wie sie bereits seit vielen Jahren in Hörgeräten eingesetzt wird, arbeitet häufig mit Richtmikrofonen, bekannten Störgeräuschmustern und fest verankerten Programmen. Fabian Böhm: „Das ist erprobt und funktioniert gut. KI-gestützte Hörsystem gehen aber noch einen Schritt weiter: Sie werden mit Millionen von Klangbeispielen trainiert und können dadurch immer komplexere Klangmuster erkennen und bewerten. In schwierigen Hörumgebungen macht das oft den spürbaren Unterschied.“ Trotzdem ist auch das beste Hörsystem der Welt immer davon abhängig, welche Hörinformationen noch ans Gehirn weitergeleitet werden können: „Sind die Haarzellen im Innenohr geschädigt, fehlen dem Gehirn wichtige Informationen. Ein Hörgerät kann diese Informationen nicht wiederherstellen und auch kein geschädigtes Innenohr reparieren.“ Deshalb, empfiehlt Böhm, sei es wichtig, bei einer festgestellten Hörminderung frühzeitig zu handeln. „Je länger das Gehirn bestimmte Höreindrücke nicht mehr bekommt, desto schwerer kann es später werden, Sprache wieder sauber zu verarbeiten.“ Auch auf die tägliche Tragezeit hat KI einen Einfluss. KI benötigt Rechenleistung – und die benötigt Energie. Darum arbeiten Hörgeräte-Hersteller intensiv daran, KI-Algorithmen effizienter zu machen und so alltagstaugliche Akkulaufzeiten zu erreichen.

Ob Bistro, Bahnhof oder Büro: Hörhilfen mit KI stellen sich in Echtzeit auf unterschiedlichste Hörumgebungen ein. Foto: Phonak

KI hilft bei Diagnose und Anpassung, ersetzt aber keine Fachkompetenz

Bei der Diagnose und Anpassung eines Hörsystems vertritt Fabian Böhm einen klaren Standpunkt: „Medizinische Diagnose, Messung, Beratung und Anpassung gehören weiterhin in die Hände von ausgebildeten Spezialisten. In der Anpassung von Hörsystemen arbeiten wir bei BÖHM Hörakustik schon lange mit ausgefeilten digitalen Berechnungsmodellen, die versuchen, Sprache gut hörbar und gleichzeitig die Lautheit angenehm zu machen. KI kann hier Zeit ersparen, aber sie ersetzt nicht die Anpasskompetenz des Hörakustikers. Zwei Menschen mit ähnlichem Hörverlust können nämlich völlig unterschiedlich empfinden: Der eine möchte mehr Brillanz, der andere empfindet dieselbe Einstellung als zu scharf. Der eine ist oft in Gesellschaft, der andere lebt ruhiger.“ KI kann hier unterstützen: Moderne Hörsysteme „lernen“, in welchen Hörsituationen sich ein Mensch häufig befindet und ob er in bestimmten Situationen manuell die Lautstärke seines Hörgerätes verändert. Aber es gibt auch Fehlerquellen: Die KI kann eine Situation falsch interpretieren oder der Kunde kann Einstellungen verändern, ohne genau zu wissen, welche Folgen das langfristig hat. Spätestens hier ist das Einfühlungsvermögen eines Hörakustikers aus Fleisch und Blut gefragt.

KI vereinfacht die Organisation, ersetzt aber keine Nähe

Auch im Büroalltag von BÖHM Hörakustik ist Künstliche Intelligenz inzwischen fest etabliert, verrät Fabian Böhm: „Wir nutzen KI dort, wo sie Prozesse effizienter machen oder Ideen strukturieren kann. Dazu gehören zum Beispiel Marketingplanung oder Schulungsunterlagen. Gerade im Kontakt mit Kunden muss man allerdings sagen: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist automatisch gut.“ In einem sensiblen Bereich wie der Hörakustik gehe es um Vertrauen, Gesundheit, persönliche Einschränkungen und damit auch um Emotionen: „Ein Chatbot kann einfache Fragen beantworten, aber er versteht nicht wirklich, in welcher Situation sich ein Mensch befindet. Wenn ein Kunde sich vormittags meldet und nachmittags erneut Kontakt aufnimmt, darf er nicht wieder dieselben Standardfragen gestellt bekommen. Viele Menschen mit Hörminderung haben ohnehin genug Kommunikationshürden. Da sollte ausgerechnet der Kontakt zum Hörakustiker nicht zusätzlich künstlich oder unpersönlich werden.“

Kompetenz und Einfühlungsvermögen von erfahrenen Hörakustikern wie Henk de Jong (links) bleiben weiterhin unverzichtbar. Foto: Sandra Gallian

Der Mensch bleibt Maß aller Dinge

Fabian Böhm ist froh, sich schon früh mit den Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz beschäftigt zu haben: „Unser Ziel ist, durch bessere Werkzeuge mehr Zeit für das Wesentliche zu gewinnen: die Menschen, die mit unserer Hilfe besser hören und verstehen möchten. Dabei wissen wir natürlich, dass KI auch kritisch gesehen wird, gerade unter dem Aspekt des Datenschutzes. Manche Menschen fragen sich mit Recht: Was passiert mit meinen Daten? Lernt das Hörsystem über mich? Werden Informationen an einen Hersteller weitergegeben? Hörsysteme unterliegen als medizinische Hilfsmittel strengen Anforderungen, bevor sie in Deutschland auf den Markt kommen können. Die DSGVO setzt hier klare Grenzen, und das ist auch richtig so.“

Für die Kundinnen und Kunden von BÖHM Hörakustik bedeutet das vor allem eines: Der Mensch bleibt das Maß aller Dinge. Fabian Böhm: „Wir beobachten sehr genau, welche Technologien echten Mehrwert bringen und welche nicht. Wir möchten als unabhängiges, inhabergeführtes Unternehmen selbst kritisch bewerten, was für unsere Kundinnen und Kunden sinnvoll ist und dort vorne mitspielen, wo Technologie dem Menschen dient. Auf eines können sich die Menschen bei uns jedoch immer verlassen: Unser Motto „Besser hören. Persönlich erleben.“ bleibt auch im KI-Zeitalter wichtigster Maßstab.“

fb/cr

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