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WirtschaftsKRAFTplus ist in der Tat ein „Plus“ – ein Mehr an Themen, an Hintergründen und an Aktualität. Mit dieser Plattform wird die wirtschaftliche Kompetenz des Standortes Pforzheim medial begleitet und weit in die Region getragen.

Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Ihr sitzt in der Provinz? Ja, weil der Nordschwarzwald rockt.

"Ihr sitzt in der Provinz? Ist das nicht schlecht fürs Image?" Mit solchen Fragen sieht sich Nicolas Lindner, geschäftsführender Gesellschafter der Börlind GmbH auch 2022 noch konfrontiert. Die Horber Unternehmerin Irina Yalcin meint:" Sobald man nicht mitten im Big-City-Life stattfindet, steigt das Bild des Landeis hoch, das sich gegen Neuerungen wehrt und alles nach veralteten Normen richtet."
Nicolas Lindner, geschäftsführender Gesellschafter der Börlind GmbH. Foto: Anna Schmalz

13.10.2022

"Auch in den hipsten Großstadt-Vierteln hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Erfolg nicht unbedingt mit dem Standort zusammenhängt."
Nicolas Lindner, geschäftsführender Gesellschafter Börlind GmbH

Gäbe es ein T-Shirt mit dem Aufdruck Paris, London, New York, Nordschwarzwald, Nicolas Lindner und Irina Yalcin würden es wahrscheinlich tragen. Das Traditionsunternehmen Börlind GmbH und das junge Unternehmen Miss Lahes haben beide ihren Sitz im Nordschwarzwald und agieren von hier aus sehr erfolgreich. Vorurteile und kritische Fragen zum Standort gibt es dennoch. Zum Glück aber immer seltener, meint Nicolas Lindner. „Auch in den hipsten Großstadt-Vierteln hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Erfolg nicht unbedingt mit dem Standort zusammenhängt.“

WirtschaftsKraft: Wann geht das T-Shirt London, Paris, New York, Calw in die Produktion? Steht das Design schon?

Nicolas Lindner: Haha, ich würde es auf alle Fälle tragen! Wir halten uns aber lieber an das Sprichwort „Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten“, bevor wir uns in die Schwarzwälder Modewelt vorwagen 😉

Die Firmenzentrale in eine Weltmetropole zu verlagern kam für Irina Yalcin nie in Frage und auch wenn für viele der Standort Horb nicht nachvollziehbar ist, betont Yalcin, dass sie im Nordschwarzwald sehr glücklich ist und die Vorteile definitiv überwiegen.

Irina Yalcin, CEO & Gründerin von Miss Lashes. Foto: Miss Lashes

Irina Yalcin: Viele Unternehmen zieht es eher in die Metropolen dieses Landes (beispielsweise nach Berlin). Daher wurde ich schon oft gefragt, warum wir unser Headquarter ausgerechnet in Horb am Neckar errichtet haben. In meinem Fall gab es ein ausschlaggebendes Argument: die Familie. Meine Kinder sind hier in Horb aufgewachsen und besuchen die örtliche Schule. Für uns war ein Umzug also ausgeschlossen. Ich spare mir durch den kurzen Anfahrtsweg ins Office viel Zeit, Geld und Nerven und bin in der Nähe, falls zum Beispiel eins meiner Kinder krank ist. Leider gab es hier in der Umgebung keine Immobilie, die zu meinen Vorstellungen gepasst hat. Daher war ich quasi dazu gezwungen zu bauen. Glücklicherweise gab es einen passenden Bauplatz, bei dem ich sofort ein gutes Gefühl hatte. Ein vergleichbares Projekt wäre in einer Großstadt unbezahlbar.

WirtschaftsKRAFT: Würden Sie sich manchmal selbst wünschen, in einer Weltstadtmetropole zu arbeiten?

Nicolas Lindner: Nein. Ich bin sehr gerne in Berlin, wo übrigens meine Großmutter und Firmengründerin Annemarie Lindner vor mehr als 100 Jahren zur Welt gekommen ist. München gefällt mir auch. Aber nach ein paar Tagen habe ich in der Regel genug vom Trubel und freue mich wieder auf die Heimat.

WirtschaftsKraft: Welche Vorurteile begegnen Ihnen, wenn es um den Standort von Miss Lashes geht?

Irina Yalcin: „Altbacken“ fällt mir hier als erstes ein. Sobald man nicht mitten im Big-City-Life stattfindet, steigt das Bild des Landeis hoch, das sich gegen Neuerungen wehrt und alles nach veralteten Normen richtet. Selbstverständlich haben wir das bekannte „Schaffe schaffe Häusle bauen“ irgendwie in uns, aber dennoch gehen wir sehr mit der Zeit und sind auf dem neuesten Stand, was Trends und Neuheiten angeht.

WirtschaftsKRAFT: Warum gehört Börlind in den Nordschwarzwald?

Nicolas Lindner: Weil unsere Unternehmens- und Familiengeschichte – sprichwörtlich – im Nordschwarzwald verwurzelt ist. Die Börlind GmbH wurde hier Ende der fünfziger Jahre gegründet, meine Schwestern und ich sind hier geboren und aufgewachsen und unser Firmenstandort ist seit jeher in der Lindenstraße in Calw. Außerdem gibt es wohl keinen besseren Sitz für ein Naturkosmetikunternehmen als mitten im Grünen. Ohne den Schwarzwald würde es Börlind heute womöglich gar nicht geben. Deshalb ist uns wichtig, der Region etwas zurückzugeben. Wir arbeiten seit Jahrzehnten eng mit lokalen Zulieferern zusammen und nutzen für die Produktion unserer Kosmetika Wasser aus unserer eigenen Tiefenquelle. Mehr „Made in the Black Forest“ geht fast nicht.

Headquarter Börlind GmbH. Foto: Sven Cichowicz
Das Headquarter von Miss Lashes ist preisgekrönt und wurde mit dem German Design Award 2022 ausgezeichnet. Foto: Miss Lashes

WirtschaftsKRAFT: Welche Vorteile bietet der Nordschwarzwald, die Berlin-Mitte nicht hat?

Irina Yalcin: Meine Mitarbeiter:innen und ich wissen es sehr zu schätzen, morgens das Büro zu lüften und keinen Smog ins Haus zu lassen. Unser Headquarter befindet sich am Rande mehrerer Felder und die frische Luft und der Duft des Waldes haben etwas sehr Beruhigendes. Außerdem sind wir sehr gut an der Autobahn und umliegende Ortschaften angebunden, sodass alle Mitarbeiter:innen einen relativ entspannten Anfahrtsweg haben. Auch der Lärm hält sich hier in Grenzen und es ist purer Luxus, in der Mittagspause einfach 20 Minuten durch die pure Natur zu spazieren und den Kopf und Geist wieder freizubekommen.

Nicolas Lindner: Bäume. Sehr viele Bäume. Früher wäre man für so ein Argument belächelt worden, aber für mich gibt es keine wirkungsvollere Anti-Stress-Methode als ein spontaner Spaziergang im Wald. Weil unser Firmengelände nur ein paar Gehminuten von den schönsten Wanderwegen entfernt ist, nutze ich dafür manchmal sogar die Mittagspause. Immer in Begleitung von Babs, meinem Hund. Für mich ist das mehr wert als alles, was mir die Großstadt bieten könnte.

WirtschaftsKraft: Stichwort Fachkräftemangel, wie schwer fällt es Ihrem Unternehmen, Talente in die „Provinz“ zu locken?

Nicolas Lindner: Zum Glück gar nicht schwer. Mitarbeitende bleiben im Schnitt elf Jahre lang, aber auch freie Stellen sind nie lange unbesetzt. Sicher auch weil wir als Arbeitgeber mehrfach ausgezeichnet worden sind, aber vor allem weil das Land gerade für junge Familien immer attraktiver wird. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter*innen und auf die besondere Beziehung zwischen ihnen, meiner Familie und dem Unternehmen. Vielleicht auch eine Besonderheit des Standorts.

Das Interview führte Tanja Meckler.

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