Fachkräfte global gedacht: WSP-Personaldialog in Pforzheim

Der WSP-Personaldialog, der am Donnerstag, 13. November 2025 im CongressCentrum Pforzheim stattfand, rückte diesmal ein Thema in den Mittelpunkt, das viele Branchen bewegt: die Gewinnung internationaler Fachkräfte. Vertreterinnen und Vertreter der Hochschule, Verwaltung, Wirtschaft und Handwerk informierten über Chancen und Herausforderungen und gaben Einblicke in ihre konkreten Erfahrungen.
Von links: Joachim Lederer, Miriam Fieser, Meike Anna Anisova Schwarz, Stephanie Christ, Neslihan Bahadir, Markus Epple. Foto: Sandra Gallian

14.11.2025

von Sandra Gallian

Zur Eröffnung begrüßte Markus Epple, Geschäftsbereichsleiter Wirtschaftsförderung beim WSP, die Gäste zu dem bewusst kurzweilig gestalteten Format. Unter dem Titel „Theorie, Erwartungen und Erfahrungen aus der Praxis“ machte er deutlich, dass sich der Satz „Wir holen mal jemanden“ zwar leicht ausspreche, die Umsetzung in der Realität jedoch weitaus komplexer sei. „Deutschland kann Fachkräfte aus dem Ausland“, betonte Epple, „aber wir müssen aus echten Erfahrungen lernen, um besser zu werden.“

Vom Hörsaal in den Arbeitsmarkt

Meike Anna Anisova Schwarz von der Hochschule Pforzheim zeigte in ihrem Vortrag, welche Rolle internationale Studierende für die Region spielen können. Neben den regulär eingeschriebenen rund 300 ausländischen Studierenden kommen pro Semester etwa 150 weitere aus Partnerhochschulen nach Pforzheim. Einführungswochen, Deutschkurse und ein 100-tägiges Praxissemester erleichtern ihnen den Einstieg.

Schwarz berichtete zudem über Fördermittel in Höhe von 120.000 Euro, die der Hochschule für drei Jahre zur Verfügung stehen – etwa für Sprachkurse und Career-Center-Angebote. „60 Prozent der Studierenden wollen laut eigener Aussage länger als drei Jahre in Baden-Württemberg bleiben – mehr als in Bayern oder Berlin“, sagte sie. Unternehmen könnten hiervon profitieren, wenn sie die Career-Plattform der Hochschule aktiv nutzen. Beispiele erfolgreicher Integration ehemaliger Studierender belegten das langfristige Bindungspotenzial: „Wenn Unternehmen offen sind und den Studierenden eine Chance geben, entstehen oft langfristige Verbindungen.“

Aufenthaltserlaubnis und Informationsbedarf

Einen realistischen Blick auf die rechtlichen Grundlagen gab Neslihan Bahadir, stellvertretende Abteilungsleiterin bei der Stadt Pforzheim. Sie zeigte auf, wo Informationsbedarf besteht – insbesondere bei der noch jungen Aufenthaltserlaubnis für berufspraktisch qualifizierte Fachkräfte. Voraussetzung seien unter anderem ein staatlich anerkannter Berufs- oder Hochschulabschluss im Herkunftsland, eine zweijährige Berufserfahrung innerhalb der letzten fünf Jahre sowie ein Arbeitsplatzangebot mit Mindestgehalt.

„Gerade kleine und mittlere Unternehmen benötigen mehr Aufklärung und Unterstützung, um bestehende rechtliche Möglichkeiten auch tatsächlich nutzen zu können“, betonte Bahadir. Die entsprechende Aufenthaltserlaubnis werde bislang kaum genutzt, obwohl sie eine große Chance für Unternehmen darstelle.

Praxis aus Hotellerie und Gastronomie

Wie anspruchsvoll internationale Rekrutierung im Alltag sein kann, schilderte anschließend Stephanie Christ, Inhaberin von Gastro Concierge und Aus- und Weiterbildungsbeauftragte bei Schwitzer’s Hotel am Park in Waldbronn. Das Hotel beschäftigt aktuell 40 Auszubildende – viele von ihnen aus dem Ausland. Seit der ersten Rekrutierung im Jahr 2021 sei der Anteil stetig gewachsen.

Christ betonte: „Ein Visum allein reicht nicht. Es braucht Begleitung, Integration und Geduld – dann aber wird aus einem Neuanfang eine Erfolgsgeschichte.“ Sie erläuterte die drei zentralen Phasen: Preboarding, Onboarding und schließlich die Integration in Betrieb und Alltag.

Die Zahlen des DEHOGA Baden-Württemberg unterstreichen die Entwicklung: 2024 verzeichnete die Gastronomie einen Zuwachs von 28,9 Prozent bei Auszubildenden, davon kamen 50,1 Prozent aus dem Ausland. Die meisten stammten aus Vietnam, gefolgt von Marokko und Indonesien.

Stephanie Christ informierte über die Integration ausländischer Auszubildender im Schwitzer’s Hotel am Park in Waldbronn

„Fachkräftemangel? Kenne ich nicht!“

Für einen enthusiastischen und zugleich eindringlichen Abschluss sorgte Metzgermeister Joachim Lederer. Seit Jahren rekrutiert er gezielt internationale Talente, insbesondere aus Indien. „Ich habe keinen Fachkräftemangel – weil ich global denke und handle“, erklärte er.

Lederer erzählte eindrucksvoll von seinem Weg der internationalen Rekrutierung – von den ersten jungen Menschen aus Italien über Geflüchtete in den Jahren 2017/18 bis hin zu den indischen Auszubildenden, die er seit 2020 in seinen Betrieb holt. Vier junge Frauen und drei junge Männer aus Indien arbeiten derzeit bei ihm. Aus der Millionenstadt Neu-Delhi reisen sie an; Lederer holt sie persönlich am Frankfurter Flughafen ab und fährt sie nach Weil am Rhein, wo sie bei ihm und befreundeten Familienbetrieben das Metzgerhandwerk erlernen. „Die jungen Leute sind so motiviert und machen den Weg so schnell nach oben, das ist unvorstellbar“, schwärmte er. Besonders die starke Gemeinschaft in ihren Wohngemeinschaften beschleunige ihre Integration – sie tragen einander buchstäblich durch die ersten Monate.

Er betonte die Bedeutung eines guten Onboardings: „Man muss geben, dann kann man ernten.“ Der Aufwand lohne sich, so Lederer. Nach einem Jahr seien die jungen Fachkräfte oft schon so eingearbeitet „als wären sie 50 Jahre im Beruf“. Insgesamt habe er bereits zwölf indische Auszubildende selbst ausgebildet und 180 weitere an regionale Familienbetriebe vermittelt. Schulen unterstützten die Auszubildenden mit Deutschkursen, was den Erfolg zusätzlich stärkte.

Sein Engagement blieb nicht unbemerkt: Der indische Generalkonsul und Ministerpräsident Winfried Kretschmann informierten sich bereits persönlich über sein Projekt – und selbst das Sat.1-Frühstücksfernsehen widmete dem leidenschaftlichen 63-Jährigen einen Beitrag.

Joachim Lederer berichtete begeistert von der Motivation indischer Auszubildender im Metzgerhandwerk.

Beim anschließenden Get-together nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich noch einmal intensiver auszutauschen. Ein Besucher brachte die Quintessenz des Abends auf den Punkt: „Wir müssen das, was heute gesagt wurde, in den Alltag der Unternehmen bringen.“

Alle Fotos: Sandra Gallian

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