05.08.2026
Margarita Bidler verbindet Wissenschaft und Unternehmenspraxis. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften promovierte sie an der Universität Passau über Datenpreisgabeprozesse im digitalen Umfeld. Anschließend war sie als Data- und Customer-Insights-Managerin bei der BSH Hausgeräte GmbH sowie der Allianz tätig, bevor sie an die Hochschule Pforzheim berufen wurde.
Heute lehrt und forscht sie zu datenbasierten Entscheidungen, digitalem Konsumentenverhalten und der Frage, wie Technologien verantwortungsvoll gestaltet werden können. Als Co-Direktorin des Instituts für Verbraucherforschung und nachhaltigen Konsum (vunk) beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf Verbraucherinnen und Verbraucher.

Frau Bidler, Sie haben sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft gearbeitet. Was hat Sie an diesen unterschiedlichen Welten besonders fasziniert?
Bidler: In der Wissenschaft steht zunächst das Verstehen im Mittelpunkt: Warum verhalten sich Menschen in einer bestimmten Weise? Welche psychologischen Mechanismen beeinflussen ihre Entscheidungen? Dafür braucht es Zeit und sorgfältige Methodik. In der Wirtschaft hingegen geht es darum, dass Erkenntnisse unter realen Bedingungen schnell und messbar Wirkung entfalten. Hierfür braucht es häufig eine gute Portion Pragmatismus. Aus der Welt der Experimentalforschung unter sorgfältig organisierten Laborbedingungen kommend, war dieser Pragmatismus der Praxis für mich zunächst ein kleiner Schock. Doch dann habe ich gelernt, dass Pragmatismus nicht bedeuten muss, alle wissenschaftliche Rigorosität fallen zu lassen. Vielmehr habe ich erlebt, wie datenbasiertes Handeln Innovationen unterstützen und strategische Entscheidungen verbessern können. Heute profitiere ich von beiden Perspektiven. In meiner Forschung greife ich praxisrelevante Fragestellungen auf, während ich meinen Studierenden zeigen kann, wie wissenschaftliche Methoden in Unternehmen tatsächlich angewendet werden können.
Gibt es einen Moment in Ihrer Lehre, an den Sie sich besonders gerne erinnern – zum Beispiel eine überraschende Frage oder eine spannende Diskussion mit Studierenden?
Bidler: Ich habe eine Veranstaltung – Data Storytelling – bei der ich Studierende befähigen und ermutigen möchte, kritisch, fair und vor allem datenbasiert zu denken, zu argumentieren und zu handeln. Am Ende jedes Semesters diskutieren die Studierenden mittels des Erlernten Themen, die sie beschäftigen und interessieren. Von Jahr zu Jahr bin ich begeistert von der Themenwahl (die Studierenden dürfen frei wählen) und davon, welche Leidenschaft und Sorgfalt in diese Projekte fließt. Ich sehe dann nicht nur, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen junge Menschen bewegen, sondern vor allem auch wie überzeugend und reflektiert sie argumentieren können, wenn sie den Freiraum bekommen. Genau das möchte ich fördern: analytisches Denken, die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, und den Mut, bestehende Lösungen kritisch zu hinterfragen.
Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung ist die Frage, warum Menschen persönliche Daten preisgeben. Was fasziniert Sie an diesem Thema besonders?
Bidler: Mich fasziniert vor allem, dass die Preisgabe persönlicher Daten weit mehr ist als eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung. Sie wird von Emotionen, Vertrauen, Gewohnheiten und dem jeweiligen Nutzungskontext beeinflusst. Viele Menschen geben an, dass ihnen ihre Privatsphäre sehr wichtig ist und geschützt werden muss – aber Hand aufs Herz: wie viele Datenschutzbestimmungen haben Sie schon von vorne bis hinten gelesen? Navigieren Sie mit einem alten Autoatlas oder mit Google Maps? Wie oft haben Sie Ihre E-Mail-Adresse hergegeben, nur um 5% Rabatt auf die nächste Bestellung zu erhalten? Genau diese scheinbaren Widersprüche machen das Thema wissenschaftlich so spannend. Als Direktorin des vunk-Instituts beschäftigen mich darüber hinaus die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklungen. Digitale Innovationen können enormes Potenzial entfalten, sie können aber auch Teile der Gesellschaft ausschließen (z. B. Menschen ohne Smartphone) oder zu nachteiligem Verhalten bewegen (z. B. digitale Suchtgefahr). Insofern finde ich es sehr spannend mit meiner Forschung einen Beitrag dazu zu leisten, digitale Technologien vertrauenswürdig und zukunftsfähig zu gestalten.
Hat sich das Verhalten der Menschen im Umgang mit ihren persönlichen Daten in den vergangenen Jahren verändert – etwa durch Social Media, Smartphones und KI?
Bidler: Ja, der Umgang mit persönlichen Daten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Digitale Technologien sind heute in vielen Lebensbereichen so selbstverständlich, dass die Preisgabe von Informationen häufig beiläufig geschieht. Wir „geben doch gar keine Daten preis“, sondern nutzen nur soziale Medien, buchen Zugtickets, navigieren zum nächsten Restaurant, steuern das Licht per App, streamen Filme, etc.
Mit der zunehmenden Verbreitung Künstlicher Intelligenz gewinnt diese Thematik nochmals an Bedeutung. KI-Systeme können große Datenmengen analysieren und daraus sehr detaillierte Erkenntnisse über Verhaltensweisen, Interessen und Bedürfnisse ableiten – und wieder nehmen Menschen tendenziell nur den vordergründigen Nutzen wahr, ohne darüber nachzudenken, wie preisgegeben Daten in zweiter Instanz genutzt oder gar missbraucht werden könnten. KI ist damit kein grundlegend neues Phänomen in der Welt der Datenpreisgabe – aber es verstärkt die Anforderungen an schnelle und wirksame Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Menschen Daten teilen, sondern wie wir die Bedingungen fair, sicher und sinnvoll gestalten können.
Haben Sie einen Lieblingsort auf dem Campus – wenn ja, welcher ist das?
Bidler: Wie weit darf ich den Campus auslegen? Bei schönem Wetter und ein paar freien Minuten gehe ich tatsächlich gerne eine Runde durch den Wildpark. Hier kann ich einerseits prima meinen Gedanken nachhängen und über die ein oder andere Forschungsfrage grübeln. Andererseits bin ich einfach gerne draußen in der Natur.
Wenn Sie Ihren Studierenden einen einzigen Rat für ihre Zukunft mitgeben könnten – welcher wäre es?
Bidler: Mein wichtigster Rat an Studierende wäre: Bleiben Sie neugierig hören Sie nie auf zu lernen. Die Welt verändert sich heute so schnell. Entscheidend ist daher nicht nur, was eine einzelne Person heute weiß, sondern wie gut sie sich neue Themen erschließen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden kann.
Bleiben Sie entsprechend auch neugierig Menschen und gesellschaftlichen Zusammenhängen gegenüber. Gerade im Bereich Daten und Digitalisierung zeigt sich, dass erfolgreiche Lösungen nicht allein technisch oder analytisch entstehen. Sie müssen auch Fragen von Vertrauen, Verantwortung und Nachhaltigkeit berücksichtigen. Ich glaube, dass diejenigen besonders erfolgreich sein werden, die Offenheit mit Haltung verbinden: Offenheit für neue Ideen, Menschen und Veränderungen – aber auch eine klare Haltung dazu, welchen Beitrag sie persönlich leisten möchten.
Die Interviewfragen stellte Leonie Pouw, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule Pforzheim
Auch in Zukunft stellen wir spannende Persönlichkeiten der Hochschule Pforzheim vor – Menschen, die mit ihrer Forschung, Lehre und ihrem Engagement neue Impulse setzen und die Zukunft mitgestalten.
05.08.2026
"Viele Menschen geben an, dass ihnen ihre Privatsphäre sehr wichtig ist und geschützt werden muss – aber Hand aufs Herz: wie viele Datenschutzbestimmungen haben Sie schon von vorne bis hinten gelesen?“
Margarita Bidler verbindet Wissenschaft und Unternehmenspraxis. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften promovierte sie an der Universität Passau über Datenpreisgabeprozesse im digitalen Umfeld. Anschließend war sie als Data- und Customer-Insights-Managerin bei der BSH Hausgeräte GmbH sowie der Allianz tätig, bevor sie an die Hochschule Pforzheim berufen wurde.
Heute lehrt und forscht sie zu datenbasierten Entscheidungen, digitalem Konsumentenverhalten und der Frage, wie Technologien verantwortungsvoll gestaltet werden können. Als Co-Direktorin des Instituts für Verbraucherforschung und nachhaltigen Konsum (vunk) beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf Verbraucherinnen und Verbraucher.

Frau Bidler, Sie haben sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft gearbeitet. Was hat Sie an diesen unterschiedlichen Welten besonders fasziniert?
Bidler: In der Wissenschaft steht zunächst das Verstehen im Mittelpunkt: Warum verhalten sich Menschen in einer bestimmten Weise? Welche psychologischen Mechanismen beeinflussen ihre Entscheidungen? Dafür braucht es Zeit und sorgfältige Methodik. In der Wirtschaft hingegen geht es darum, dass Erkenntnisse unter realen Bedingungen schnell und messbar Wirkung entfalten. Hierfür braucht es häufig eine gute Portion Pragmatismus. Aus der Welt der Experimentalforschung unter sorgfältig organisierten Laborbedingungen kommend, war dieser Pragmatismus der Praxis für mich zunächst ein kleiner Schock. Doch dann habe ich gelernt, dass Pragmatismus nicht bedeuten muss, alle wissenschaftliche Rigorosität fallen zu lassen. Vielmehr habe ich erlebt, wie datenbasiertes Handeln Innovationen unterstützen und strategische Entscheidungen verbessern können. Heute profitiere ich von beiden Perspektiven. In meiner Forschung greife ich praxisrelevante Fragestellungen auf, während ich meinen Studierenden zeigen kann, wie wissenschaftliche Methoden in Unternehmen tatsächlich angewendet werden können.
Gibt es einen Moment in Ihrer Lehre, an den Sie sich besonders gerne erinnern – zum Beispiel eine überraschende Frage oder eine spannende Diskussion mit Studierenden?
Bidler: Ich habe eine Veranstaltung – Data Storytelling – bei der ich Studierende befähigen und ermutigen möchte, kritisch, fair und vor allem datenbasiert zu denken, zu argumentieren und zu handeln. Am Ende jedes Semesters diskutieren die Studierenden mittels des Erlernten Themen, die sie beschäftigen und interessieren. Von Jahr zu Jahr bin ich begeistert von der Themenwahl (die Studierenden dürfen frei wählen) und davon, welche Leidenschaft und Sorgfalt in diese Projekte fließt. Ich sehe dann nicht nur, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen junge Menschen bewegen, sondern vor allem auch wie überzeugend und reflektiert sie argumentieren können, wenn sie den Freiraum bekommen. Genau das möchte ich fördern: analytisches Denken, die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, und den Mut, bestehende Lösungen kritisch zu hinterfragen.
Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung ist die Frage, warum Menschen persönliche Daten preisgeben. Was fasziniert Sie an diesem Thema besonders?
Bidler: Mich fasziniert vor allem, dass die Preisgabe persönlicher Daten weit mehr ist als eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung. Sie wird von Emotionen, Vertrauen, Gewohnheiten und dem jeweiligen Nutzungskontext beeinflusst. Viele Menschen geben an, dass ihnen ihre Privatsphäre sehr wichtig ist und geschützt werden muss – aber Hand aufs Herz: wie viele Datenschutzbestimmungen haben Sie schon von vorne bis hinten gelesen? Navigieren Sie mit einem alten Autoatlas oder mit Google Maps? Wie oft haben Sie Ihre E-Mail-Adresse hergegeben, nur um 5% Rabatt auf die nächste Bestellung zu erhalten? Genau diese scheinbaren Widersprüche machen das Thema wissenschaftlich so spannend. Als Direktorin des vunk-Instituts beschäftigen mich darüber hinaus die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklungen. Digitale Innovationen können enormes Potenzial entfalten, sie können aber auch Teile der Gesellschaft ausschließen (z. B. Menschen ohne Smartphone) oder zu nachteiligem Verhalten bewegen (z. B. digitale Suchtgefahr). Insofern finde ich es sehr spannend mit meiner Forschung einen Beitrag dazu zu leisten, digitale Technologien vertrauenswürdig und zukunftsfähig zu gestalten.
Hat sich das Verhalten der Menschen im Umgang mit ihren persönlichen Daten in den vergangenen Jahren verändert – etwa durch Social Media, Smartphones und KI?
Bidler: Ja, der Umgang mit persönlichen Daten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Digitale Technologien sind heute in vielen Lebensbereichen so selbstverständlich, dass die Preisgabe von Informationen häufig beiläufig geschieht. Wir „geben doch gar keine Daten preis“, sondern nutzen nur soziale Medien, buchen Zugtickets, navigieren zum nächsten Restaurant, steuern das Licht per App, streamen Filme, etc.
Mit der zunehmenden Verbreitung Künstlicher Intelligenz gewinnt diese Thematik nochmals an Bedeutung. KI-Systeme können große Datenmengen analysieren und daraus sehr detaillierte Erkenntnisse über Verhaltensweisen, Interessen und Bedürfnisse ableiten – und wieder nehmen Menschen tendenziell nur den vordergründigen Nutzen wahr, ohne darüber nachzudenken, wie preisgegeben Daten in zweiter Instanz genutzt oder gar missbraucht werden könnten. KI ist damit kein grundlegend neues Phänomen in der Welt der Datenpreisgabe – aber es verstärkt die Anforderungen an schnelle und wirksame Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Menschen Daten teilen, sondern wie wir die Bedingungen fair, sicher und sinnvoll gestalten können.
Haben Sie einen Lieblingsort auf dem Campus – wenn ja, welcher ist das?
Bidler: Wie weit darf ich den Campus auslegen? Bei schönem Wetter und ein paar freien Minuten gehe ich tatsächlich gerne eine Runde durch den Wildpark. Hier kann ich einerseits prima meinen Gedanken nachhängen und über die ein oder andere Forschungsfrage grübeln. Andererseits bin ich einfach gerne draußen in der Natur.
Wenn Sie Ihren Studierenden einen einzigen Rat für ihre Zukunft mitgeben könnten – welcher wäre es?
Bidler: Mein wichtigster Rat an Studierende wäre: Bleiben Sie neugierig hören Sie nie auf zu lernen. Die Welt verändert sich heute so schnell. Entscheidend ist daher nicht nur, was eine einzelne Person heute weiß, sondern wie gut sie sich neue Themen erschließen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden kann.
Bleiben Sie entsprechend auch neugierig Menschen und gesellschaftlichen Zusammenhängen gegenüber. Gerade im Bereich Daten und Digitalisierung zeigt sich, dass erfolgreiche Lösungen nicht allein technisch oder analytisch entstehen. Sie müssen auch Fragen von Vertrauen, Verantwortung und Nachhaltigkeit berücksichtigen. Ich glaube, dass diejenigen besonders erfolgreich sein werden, die Offenheit mit Haltung verbinden: Offenheit für neue Ideen, Menschen und Veränderungen – aber auch eine klare Haltung dazu, welchen Beitrag sie persönlich leisten möchten.
Die Interviewfragen stellte Leonie Pouw, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule Pforzheim
Auch in Zukunft stellen wir spannende Persönlichkeiten der Hochschule Pforzheim vor – Menschen, die mit ihrer Forschung, Lehre und ihrem Engagement neue Impulse setzen und die Zukunft mitgestalten.
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