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Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Buchautor Michael Ritzau warnt vor Rendite-Killern bei der Geldanlage und vor provisionsgetriebener Beratung

Mit Ende 40 wagt Dr. Michael Ritzau einen kompletten beruflichen Neustart: Er kündigt seinen gut bezahlten Job in einem Schweizer Pharmakonzern und macht seine private Leidenschaft zum Beruf: Die unabhängige Beratung zu Geldanlage und Altersvorsorge. Knapp mehr als die Hälfte seiner Kundschaft sind Frauen.
Eine Kristallkugel hat Michael Ritzau nicht, aber realistischer Weitblick ist bei seiner Tätigkeit als unabhängiger Honorar-Finanzanlagenberater gefragt. ©gera

25.04.2022

Nach seiner Prüfung zum Honorar-Finanzanlagenberater bei der IHK Berlin gründet Ritzau die Südbadische Honorarberatung in Inzlingen bei Lörrach. Seine Mission: Als Honorarberater und promovierter Naturwissenschaftler möchte er Privatanlegerinnen und Privatanleger auf finanzwissenschaftlicher Basis beraten. Und sie, wie er sagt, „so davor bewahren ihr sauer verdientes Geld in teure und teilweise intransparente Finanzprodukte zu investieren“ – wie beispielsweise aktiv gemanagte Fonds, Anlagezertifikate und Kapitallebensversicherungen.

Darüber hat er ein Buch geschrieben. Titel: „Die große Fondslüge.“ Mit seinem kritischen Blick ist Ritzau mittlerweile gefragter Ansprechpartner für die Medien, unter anderem für ARD (siehe Video), Wirtschaftswoche, Deutsche Presseagentur dpa und Tageszeitungen wie Die Welt.

VIDEO: Ab Minute 32 ARD-Beitrag mit Honorar-Berater Dr. Michael Ritzau. ©hr

Im WirtschaftsKraft-Interview beschreibt Michael Ritzau das Konzept eines unabhängigen Honorar-Finanzanlageberaters und er warnt vor Renditekillern bei der Gelanlage und der Altersvorsorge.

Herr Ritzau, was genau ist Ihre Tätigkeit als Honorarberater?

Ich berate Menschen, die ihr Geld für Vermögensaufbau und Altersvorsorge anlegen wollen. Das Besondere an Honorarberatern wie mir ist, dass mich meine Kunden direkt bezahlen – in meinem Fall nach Stundenaufwand. Ich erhalte keinerlei Provisionen oder Zuwendungen von Produktanbietern. So vermeide ich Interessenskonflikte und kann meinen Kundinnen und Kunden die Anlagevehikel empfehlen, die für sie am besten sind.

Warum soll ich für eine Beratung bezahlen, wenn ich sie woanders gratis bekomme?

Es gehört zu den weit verbreiteten Illusionen, dass Beratungen, die nichts kosten gratis sind. Es handelt sich dabei nicht um Beratungen, sondern um Verkaufsgespräche. Diese Finanzprodukte-Verkäufer, wie ich sie nenne, werden von Produktanbietern per Provision bezahlt. Und diese Provision bezahlt der Kunde mit.

Da darf sich jetzt jeder selbst überlegen, wie unabhängig und frei von Interessenskonflikten so eine Beratung sein kann. Niels Nauhauser, der oberste Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, bringt es auf den Punkt. Er sagt, jeder, der kostenlos berät, ist ein Verkäufer.

Welches sind denn die besten Anlagevehikel?

Generell achte ich sehr stark auf die Kosten einer Geldanlage, denn Kosten sind Gift für die Rendite. Und ich rate fast nur zu Anlagen, die durch einen Status als Sondervermögen beziehungsweise durch verlässliche Einlagensicherungen im Konkursfall geschützt sind.

Das ist beispielsweise bei börsengehandelten Indexfonds der Fall, geläufiger ist der englische Begriff Exchange traded funds, kurz ETFs.

Wie ein Portfolio dann konkret aussieht, hängt natürlich von der jeweiligen Risikofähigkeit und Risikoneigung des jeweiligen Kunden ab. Bei der Risikofähigkeit spielen Alter, Anlagehorizont, bereits vorhandenes Vermögen, Immobilieneigentum, aber auch die derzeitige berufliche Situation samt Gehalt eine große Rolle.


Erklärung: Anlageklasse versus Anlagevehikel

  • Anlageklasse meint die Art der Anlage, also beispielsweise Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien, Sichteinlage.
  • Anlagevehikel meint die Verpackung, in der eine oder mehrere Anlageklassen geschnürt und gehandelt werden, etwa ETFs, Fonds, Optionsschein, Zertifikat. (gera)

In gut gefüllten Zuhörersälen – wie hier an der Hochschule Pforzheim – referiert Dr. Michael Ritzau (rechts) über seine Leidenschaft, die Beratung zu Geldanlage und Altersvorsorge. ©gera

Und was hat es mit der Risikoneigung auf sich?

Hier finde ich mittels Fragebogen und Gespräch heraus, wie mein Kunde eine Krise verkraftet. Kann er das aussitzen oder bekommt er Herzrasen? Wie viel Prozent Aktienanteil hält sie oder er in so einer Situation aus?

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten wir genau das: da gingen die Aktienkurse über einen Zeitraum von anderthalb Monaten um ein Drittel runter.

Sie möchten Privatanlegerinnen vor teuren Investments bewahren. Was haben Sie gegen Zertifikate und aktiv gemanagte Fonds?

Die Kosten von aktiv gemanagten Fonds sind etwa fünf- bis zehnmal so hoch wie die Kosten der von mir empfohlenen ETFs. Aktiv gemanagte Fonds haben laufende Kosten von im Schnitt zwischen ein und 2,5 Prozent. Dazu kommen häufig noch Ausgabeaufschläge zwischen zwei und sechs Prozent.

Aus diesem Grund liefern diese Fonds im Schnitt deutlich schlechtere Renditen als Indexfonds – und zwar in jeder Marktphase, egal ob während eines Booms oder einer Krise. Das ist übrigens nicht meine Meinung, sondern eine mathematische Notwendigkeit. William F. Sharpe, Nobelpreisträger für Wirtschaft, hat das in seiner Veröffentlichung „The Arithmetic of Active Management“ sehr anschaulich dargelegt.

Und wie sieht es mit Anlagezertifikaten aus?

Anlagezertifikate sind komplexe und riskanteAnlagevehikel, die für normale Anleger kaum durchschaubar sind. Ihnen liegen komplexe Finanzinstrumente, sogenannte Derivate zugrunde, die von Variablen wie Zeitwert, Volatilität und ähnlichen für Privatanleger unverständlichen Dingen abhängen. Und natürlich sind Zertifikate teuer.

Die Komplexität dieser Vehikel verrät  sich oft schon durch irrwitzig lange Namen. Sie sind auch kein Sondervermögen, sondern fallen im Ernstfall in die Konkursmasse. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Lehman-Zertifikate. Mit ihnen haben tausende deutscher Anlegerinnen und Anleger viel Geld verloren.

Jetzt haben wir Krieg in Europa. Was raten Sie Anlegern in solchen Krisen?

Ich habe natürlich keine Kristallkugel. Man muss sich klar darüber sein, dass Krisen und Konflikte zum Leben gehören und dass die Zukunft nicht vorherbestimmt ist. Ich weiß natürlich nicht wie sich der Krieg weiterentwickeln wird. Aber der Aktienmarkt preist das jetzige Wissen ein. Wird es schlimmer als heute erwartet, dann werden Aktien fallen. Wird es weniger schlimm, werden sie steigen. Wer einen langfristigen Anlagehorizont hat, kann solche Krisen aussitzen oder in solchen Situationen sogar Aktien nachkaufen.

In seinem Buch „Die große Fondslüge“ und bei Vorträgen erklärt Michael Ritzau, wie Anleger in Deutschland seiner Ansicht nach durch systematische Fehlberatung Jahr für Jahr Milliarden Euro verlieren. ©gera

Was sind die häufigsten Fehler bei Geldanlage?

Der Hauptfehler ist, dass viele Privatanleger nicht auf die Kosten der Anlageprodukte achten. Laufende Kosten sind für Anleger ein Gegenwind, der immer weht und viel Rendite kostet. Anleger unterschätzen völlig wie viel beispielsweise ein Prozent, 1,5 Prozent oder zwei Prozent Kosten langfristig ausmachen.

Eine Anlagesumme von 10.000 Euro ergibt bei sieben Prozent jährlicher Rendite – das ist in etwa die jährliche Durchschnittsrendite des MSCI World-Aktienindex seit 1999 – und Kosten von 0,2 Prozent über 20 Jahre hinweg 37.275 Euro. Bei gleichen Bedingungen und zwei Prozent Kosten kommen am Ende nur 26.533 Euro für den Anleger heraus.

Das sind fast 10.000 Euro weniger (Steuern nicht berücksichtigt). Bei einer Anlagesumme von 100.000 Euro sind es analog des genannten Rechenbeispiels am Ende eben 100.000 Euro weniger.

Was sind weitere klassische Fallstricke?

Ebenfalls falsch ist die Annahme, man könne als Privatanleger mit einer geschickten Auswahl von Fonds oder Einzelaktien langfristig mehr Kursgewinne erzielen als mit ETFs. Natürlich kann man damit einige Jahre Glück haben, aber statistisch betrachtet vernichtet man damit Rendite. Auch das stete Umschichten von Aktien und Fonds kostet nur Geld und bringt nix.

Wie kann man bei den heutigen niedrigen Zinsen und der hohen Inflation Rendite erzielen?

Rendite erzielen heute nur noch Anlegerinnen und Anleger, die bereit sind in schwankende Anlageklassen wie Aktien zu investieren. Mittlerweile ist es so, dass selbst ein konservatives Anlageziel wie Vermögenserhalt nach Inflation in der jetzigen Niedrigzinsära nur mit einen gehörigen Anteil schwankender Anlagen wie Aktien-ETFs möglich ist.

Als ehemaliger Grenzgänger berät Dr. Michael Ritzau inzwischen auch Kundschaft aus der Schweiz. ©gera

Wer lässt sich von Ihnen beraten?

Ich berate mittlerweile deutschlandweit, meist per Zoom. Manche verbinden die Honorarberatung bei mir vor Ort auch mit einem Kurzurlaub im Südschwarzwald oder einem City-Trip nach Basel. Etwa 55 Prozent meiner Kundschaft sind Frauen, mein Angebot richtet sich aber gleichermaßen auch an Männer.

Wirkt sich die Nähe Ihres Standorts Inzlingen zu den Eidgenossen auch auf Ihr Kundenportfolio aus?

Da ich nahe der Schweizer Grenze arbeite und lebe, kommen auch viele Grenzgängerinnen und Grenzgänger zu mir. Ich war ja selbst einer und habe lange in der Schweiz gelebt.

Wenn ein Grenzgänger vor Erreichen des Rentenalters seine Stelle in der Schweiz aufgibt, erhält er oder sie häufig eine hohe Summe aus der betrieblichen Altersvorsorge, die Zweite Säule genannt, ausbezahlt und braucht entsprechend Rat, wie damit umgegangen werden soll.

Wie greifen Ihre Kunden auf das Geld im Alter zu, wenn sie es brauchen?

Zu meinem Kundenstamm zählen auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die nicht in die gesetzliche Rente einbezahlen und eigenständig vorsorgen wollen und müssen. Auch sie greifen auf das Kapital zu, in dem er oder sie Teile des Portfolios verkauft und sich so eine Zusatzrente verschafft.

Investieren ist ja immer ein zweistufiger Prozess. Man legt das Geld in der Erwerbsphase an und irgendwann im Alter verbraucht man es für den gewünschten Zweck.

Damit am Ende des Geldes aber nicht noch ganz viel Leben übrig bleibt, erstelle ich für meine Kundschaft auf Wunsch auch einen Entnahmeplan, auch Auszahlplan genannt. Da gibt es mehrere Varianten, aber allen ist gemeinsam das eine Ziel: eine Zusatz-Rente aus Kapitalverzehr zu erzielen (gera/gel)

HINTERGRUND: So läuft eine Honorarberatung ab

Im ersten Schritt  kommen Interessenten auf Michael Ritzau zu und vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch. Dieses Gespräch dauert bis zu 45 Minuten. Da Ritzau deutschlandweit berät, finden Erstgespräch und später auch die Beratung häufig per Zoom statt. Danach bekommt der Kunde ein schriftliches Angebot mit den Kosten. „Anschließend liegt der Ball im Spielfeld des Kunden“, wie Ritzau sagt.

Wenn ein Kunde oder eine Kundin nach dem Erstgespräch kein Interesse an der Dienstleistung hat, wird er oder sie nicht mehr kontaktiert. Ritzau: „Ich bin persönlich eher ein zurückhaltender Mensch und aufdringliche Akquise ist mir völlig wesensfremd.“ (gera/gel)

Verwirrende Begriffe

Honorar-Finanzanlagenberater, Honorarberater, unabhängiger Finanzberater, Finanzcoach… – die Begriffspalette ist breit in Ritzaus Branchenumfeld. „Ja, das ist für Normalsterbliche schwer zu durchschauen“, sagt er. „Ich bezeichne mich im Alltag als Honorarberater, geschützt sind aber nur die Bezeichnungen Honorar-Finanzanlagenberater nach 34h Gewerbeordnung und Honorar-Anlageberater nach §94 Wertpapierhandelsgesetz. Von diesen beiden Kategorien gibt es Ritzau zufolge in Deutschland – Stand Anfang Januar 2022 – derzeit lediglich 256 beziehungsweise 17.

Mit Bezeichnungen wie Honorarberater, unabhängiger Finanzberater oder Finanz-Coach dürfe sich dagegen jeder schmücken. Häufig finden sich laut Ritzau in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen solcher Finanz-Coaches Formulierungen wie „keine Anlageberatung“. Selbiges gelte für überteuerte Mentoring-Programme, die sich gerne an Frauen richten.

Ritzau sagt: „Damit umgehen diese Menschen zahlreiche strenge und durchaus kostenintensive Regularien, die Honorar-Finanzanlagenberater wie ich erfüllen müssen. Neben meiner Prüfung muss ich beispielsweise eine Vermögensschadens-Haftpflichtversicherung vorweisen. Ich werde jährlich von einer Steuerberaterin geprüft und muss meine Kunden genau über die Geeignetheit, Risiken und Kosten der von mir empfohlenen Finanzprodukte aufklären.“ (gera/gel)

Vom Chemiker zum Geldanlage-Profi: Dr. Michael Ritzau. ©gera

Zur Person

Michael Ritzau, geboren 1965 in Kassel, Chemie-Studium an der Uni Göttingen, 1993 Promotion zum Dr. rer. nat. Danach verschiedene Stellen in der akademischen Forschung und in der Pharmaindustrie in Großbritannien und der Schweiz.

Seit 1997 beschäftigt sich Ritzau intensiv mit Geldanlage. Bis 2012 war der Chemiker als Vizepräsident des Stiftungsrats der Novartis Pensionskasse II in Basel für die strategische Geldanlage einer großen Schweizer Pensionskasse mit verantwortlich. Er hat dort federführend an der Entwicklung neuer Anlagestrategien für die Pensionskassenmitglieder mitgewirkt.

Seit Mitte 2013 ist Ritzau Inhaber der Südbadischen Honorarberatung in Inzlingen zwischen Lörrach und Basel. 2016 erschien sein Buch „Die große Fondslüge“ im Tectum Verlag.

Ritzau hält jährlich etwa 30 Vorträge zu Finanzthemen an Hochschulen, Volkshochschulen und beim Verbraucherzentrale Bundesverband. (gera/gel)

https://www.suedbadische-honorarberatung.de

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