Zitat Autor
WirtschaftsKRAFTplus ist in der Tat ein „Plus“ – ein Mehr an Themen, an Hintergründen und an Aktualität. Mit dieser Plattform wird die wirtschaftliche Kompetenz des Standortes Pforzheim medial begleitet und weit in die Region getragen.

Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

Newsletter Anmeldung

+ monatliche Erscheinung
+ aktuelle Themen und wichtige Termine
+ neue Unternehmensportraits und Unternehmensprofile
Datenverarbeitungshinweis*

Arbeiten in Japan.Mein ganz persönliches Fukushima-Erlebnis und Re-Kulturschock Schwarzwald. Ein Erfahrungsbericht

Am Freitag, den 11.3.2011 wackelte die Erde unter uns. Das war für uns alltäglich und lediglich die ungewöhnliche Intensität und das lange Andauern des Bebens bewegten uns dazu, die Büroräume vorübergehend zu verlassen. Das Ausmaß der Katastrophe wurde uns dann im Laufe der folgenden Stunden durch die Medien übermittelt.
Jutta Häfele war von 2004 bis 2009 sowie 2011 und 2012 für die Robert Bosch GmbH in Japan tätig; zuletzt als Abteilungsleiterin „Controlling“ des Geschäftsbereichs Diesel Systems. Foto von Ute Tieker / DK Fotokunst

Gastbeitrag von Jutta Häfele

Die Stärke des japanischen „Gemeinschaftsgefühls“, welche auch als ein Fundament der japanischen Wirtschaft gesehen wird, beruht sicherlich u. a. auf dieser „Absolutheit“. Nach meiner wiedererlangten Zugehörigkeit erlebte ich dies noch bewusster als zuvor.
Jutta Häfele

Mein „Abenteuer“ begann im Januar 2004, als ich mit einem Entsendungsvertrag der Robert Bosch GmbH und einem „one way ticket to Tokyo“ im Flieger saß. Als bilinguale Halbjapanerin war ich zuversichtlich, dass ich mich auf den Weg in mir bekannte Gefilde machte und weder sprachlich noch kulturell auf allzu große Überraschungen stoßen würde.

„Bosch Gebäude“ im Vordergrund Reklametafeln in japanischer Schrift, Foto: Jutta Häfele

Meine erste Aufgabe war die Integration einer neuen Tochtergesellschaft in das „financial reporting“ der Bosch-Gruppe. Bosch hatte kurz zuvor die Mehrheit an einem Joint Venture mit einem japanischen Konzern erworben und die Stuttgarter Zentrale benötigte nun die zu konsolidierenden Zahlen, Daten und Fakten für die weltweite Unternehmenssteuerung. Diese im Detail zu beschaffen sollte nun mein Job für die nächsten drei Jahre sein. Meine künftige Wirkungsstätte „NIKK (Nippon Injector Corporation)“, ein produzierendes Unternehmen mit gut 200 Mitarbeitern, etwa eine Autostunde südwestlich von Tokio entfernt, war knapp 20 Jahre zuvor mitten in der Bubble Economy als Gemeinschaftsunternehmen dreier Parteien gegründet worden. Dabei war Mitsubishi der Partner mit dem größten Anteil und somit zwei Jahrzehnte lang durchweg maßgebend für die Ausrichtung der Unternehmensstruktur und -kultur. „Unser“ Bosch-Anteil war ursprünglich untergeordnet – was sich durch die neuen Anteilsverhältnisse dann schlagartig änderte. So traf ich (noch nicht 30-jährig und weiblich) kurz nach der Anteilsübernahme als Repräsentant des deutschen Mutterhauses in Odwara ein und stand einer ausschließlich männlichen, graumelierten, uniformierten Führungsmannschaft gegenüber. Ich merkte schnell, dass mein privater Sprach- und Erfahrungsschatz in der japanischen Geschäftswelt mir nur bedingt nutzte und dass es trotz meines Backgrounds immer wieder Neues zu erleben gab.

Bei Nacht, „Shibuya-Crossing“, Foto: Jutta Häfele


All die Besonderheiten der traditionellen japanischen Arbeitswelt, die stets ausführlich in Berichten und Ratgebern über Japan thematisiert werden, begegneten mir geballt in meinen ersten Arbeitswochen vor Ort: Am ersten Morgen turnte ich zu ラジオ体操 (Radio Taiso), ein regelmäßiges gemeinsames Workout aller Mitarbeiter (bzw. der gesamten Nation), bei dem sowohl die Musik als auch die Anweisungen zu den Gymnastikübungen mehrmals täglich über Lautsprecher in die Büroräume, die Fabrik und auch auf das Außengelände ausgestrahlt werden. Am Mittag erhielt ich die erste Uniform meines Lebens 作業服 (Sagyofuku), so dass ich zumindest im Kleidungsbild nicht von den anderen Mitarbeiter*innen von NIKK zu unterscheiden war. An diese Einheitstracht konnte oder wollte ich mich bis zuletzt nicht gewöhnen; Ich spielte hier häufig die Karte mit dem „Ausländerbonus“ und trug meine Privatkleidung. Schnell wurde mir auch erklärt, wie wichtig es in Japan ist, dass stets alle (auch noch so entfernt) betroffenen Kolleg*innen in bevorstehende Entscheidungen eingebunden werden. Dieses 根回し (Nemawashi) führt zwar zu langen großen Besprechungen vorab und erhöhtem zeitlichen Aufwand in der Vorbereitung, hat aber den unbestreitbaren Vorteil, dass die Umsetzung einer Entscheidung dann nahezu „per Knopfdruck“ erfolgt. Als ebenso besonders „gemeinschaftlich“ erlebte ich die regelmäßigen abendlichen Zusammenkünfte unter Kolleg*innen aller Hierarchieebenen zu sogenannten飲み会 (Nomikai). Hier werden in lockerer Atmosphäre alle aktuellen Themen aus dem Büro besprochen. Häufig werden auf diese Art Konflikte einvernehmlich gelöst. Ein sehr erheiternder Bestandteil des japanischen abendlichen Geschäftslebens ist auch das カラオケ (Karaoke) nach einer Nomikai oder nach einem Geschäftsessen, das auch nahezu jeder Geschäftsreisende erleben darf. Dabei ist mir aufgefallen, dass es sehr viele Gäste aus Deutschland gab, die vor dem Besuch der Karaokebar eine deutlich abwehrende Haltung dazu an den Tag legten, aber dann am Ende des Abends das Mikrofon nicht mehr aus der Hand geben wollten …

Als einzige deutsche Bosch-Mitarbeiterin vor Ort wurde ich in viele (auch fachfremde) Themen eingebunden. Ich durfte sehr viel lernen und hatte sehr viel Spaß dabei. Mir wurden viel Dankbarkeit und stets Respekt entgegengebracht. Die Zeit verging viel zu schnell …
… so dass ich mich 2007 dafür entschied, ein weiteres Assignment in Japan anzunehmen: Ich wechselte vom Bereich „Benzin“ zu „Diesel“; von Kanagawa in die Präfektur Saitama. Bosch hatte dort 1999 die Mehrheit an der Zexel Corporation übernommen, einem Hersteller von u. a. Dieseleinspritzkomponenten. Meine neue Rolle bei Diesel übernahm ich von einem deutschen Kollegen. Das Arbeitsplatzprofil war bereits vorhanden und seit Jahren eingeschwungen. Als Ausländerin war ich diesmal „nichts Neues“, war man hier doch seit vielen Jahren an den internationalen Austausch in der Bosch-Gruppe gewöhnt. Umso erstaunlicher war es für mich, dass mein Arbeitsalltag nach wie vor damit gefüllt war, zu vermitteln. Viele Vorgaben und Anfragen aus Stuttgart mussten weiterhin erklärt werden, aber auch Besonderheiten aus Japan galt es in die Bosch-Zentralen zu übermitteln. Glücklicherweise saß ich dabei mit einem deutschen Vorgesetzten im gleichen Boot, der zum wiederholten Male für Bosch in Japan war und als bilingualer Deutschjapaner nie die regionalen Belange aus dem Blickfeld verlor. Dieses Boot half mir dann auch bei der Bewältigung meiner ganz persönlichen Fukushima-Krise:
Am Freitag, den 11.3.2011 wackelte die Erde unter uns. Das war für uns alltäglich und lediglich die ungewöhnliche Intensität und das lange Andauern des Bebens bewegten uns dazu, die Büroräume vorübergehend zu verlassen. Das Ausmaß der Katastrophe wurde uns dann im Laufe der folgenden Stunden durch die Medien übermittelt. Der Heimweg am Abend gestaltete sich als außerordentlich herausfordernd; erst nach Mitternacht kam ich zu Hause an. Die Geschehnisse in Fukushima der folgenden Stunden und Tage flimmerten nonstop über die Bildschirme rund um den Globus. Bosch entschied sich sehr schnell dazu, allen nach Japan entsandten Mitarbeitern einen Rückflug in die Heimat zu ermöglichen und am Tag 2 nach dem Beben ging mein Flug …

… 4 Wochen später entschied ich mich zu einer Rückkehr an meinen Arbeitsplatz, den ich leider nicht mehr so erleben sollte wie zuvor: Durch die abrupte Rückreise hatte ich unbeabsichtigt den in Japan tief verwurzelten „Gemeinschaftskodex“ gebrochen, und war dem Anschein nach „davongelaufen“. Trotz der stabilen Rückendeckung durch meinen Chef waren intensive Gespräche der Aufarbeitung notwendig, um das Verhältnis zu jedem Einzelnen wiederaufzubauen. Die Stärke des japanischen „Gemeinschaftsgefühls“, welche auch als ein Fundament der japanischen Wirtschaft gesehen wird, beruht sicherlich u. a. auf dieser „Absolutheit“. Nach meiner wiedererlangten Zugehörigkeit erlebte ich dies noch bewusster als zuvor.
Ende 2012 kehrte ich nach Deutschland zurück – in ein 2800-Seelendörfchen im Nordschwarzwald. Der „Re-Kulturschock“ fiel fast härter aus als 2004 der Weg in die bekannte Fremde. Nun benötige ich wieder ein Auto für Besorgungen, kann an einer Hand abzählen, wie viele Menschen mir täglich begegnen und höre mit Erstaunen, wie unvermittelt man sich austauschen kann.

Jetzt Newsletter abonnieren und von vielen Vorteilen profitieren!