"Ältere Azubis sind motivierter und selbständiger"

Auch wenn die Bewerberzahlen zuletzt wieder anzogen: Im Mai 2025 waren in Baden-Württemberg ganze 34.000 Ausbildungsstellen noch unbesetzt. Darum hätten auch ältere Bewerber gute Chancen, sich neue berufliche Perspektiven zu erschließen, sagt Catarina Haberstroh, stellvertretende Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis.
Catarina Haberstroh, stellvertretende Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis, ermutigt Um- und Wiedereinsteiger, aktiv auf potenzielle Ausbildungsbetriebe zuzugehen. Foto: C. Haberstroh

26.06.2025 / Archivartikel

von Christian Roch

Mit 40 nochmal neu anfangen und gemeinsam mit 17-Jährigen die Berufsschulbank drücken? Was vor wenigen Jahren noch die absolute Ausnahme war, ist heute in Baden-Württemberg ein immer öfter anzutreffendes Bild. Laut Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit nimmt die Zahl der Menschen, die nach dem 25. Lebensjahr eine duale Ausbildung beginnen, stetig zu. Im Ausbildungsjahr 2023/24 waren demnach 3.080 der rund 170.000 Auszubildenden im Land 25 Jahre oder älter – 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Menschen, die sich mit 40 oder mehr Jahren für eine Ausbildung entscheiden, habe sich in den letzten 15 Jahren sogar fast verdreifacht.

Häufig Frauen nach der Familienzeit

„Die Entscheidung für eine Ausbildung im höheren Alter kann unterschiedlichste Ursachen haben“ sagt Catarina Haberstroh, stellvertretende Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis. Insbesondere Frauen nach längerer Erziehungspause sowie Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Studium seien in der Region unter den älteren Auszubildenden vertreten. „Viele suchen nach einer Tätigkeit mit mehr Sinn oder besseren Arbeitsbedingungen. Oft nach dem Motto: ‚Ich mache mein Hobby zum Beruf‘“.

Wirtschaftlicher Druck steigt

 Vielfach kommt der Impuls für den beruflichen Neuanfang aber von außen: Marktveränderungen und technische Umbrüche wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz setzen auch bislang krisensichere Berufe unter Druck. Zunehmend sind auch Fach- und Führungskräfte in Industrie und Management von Arbeitslosigkeit bedroht. Manche Betroffene machen dann einen radikalen Schnitt und wenden sich einem handwerklichen Ausbildungsberuf zu, weiß Catarina Haberstroh: „Der Wunsch, sichtbare Ergebnisse zu erzielen und einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, macht Handwerksberufe für ältere Azubis besonders interessant. Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie der Elektronikbereich bieten gute Zukunftsperspektiven und sind auch für Quereinsteiger attraktiv.

Weniger belastbar, aber mit viel Erfahrung

Manche Ausbildungsberufe mit hoher körperlicher Belastung scheiden für ältere Bewerber von vornherein aus. Es gibt aber noch mehr Herausforderungen: Oft muss das Lernen selbst wieder erlernt werden. Auch gilt es zu akzeptieren, dass sich Technologien und Arbeitsmethoden seit der eigenen Ausbildungszeit grundlegend verändert haben. „Hinzu kommt, dass sich ältere Bewerber in jüngere Azubigruppen einfinden und die ungewohnte berufliche und schulische Struktur neu in ihren Alltag integrieren müssen“ so Catarina Haberstroh. Die gute Nachricht: Was älteren Azubis an Belastbarkeit und Flexibilität fehlt, machen sie durch Motivation und Reife wett: „Berufs- und Lebenserfahrung sowie nützliche praktische Kenntnisse verschaffen älteren Auszubildenden einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Hinzu kommt eine hohe Bereitschaft, sich weiterzubilden und Verantwortung zu übernehmen.“ Auch hätten ältere Azubis verinnerlicht, wie wichtig Zuverlässigkeit und selbständiges Handeln für den beruflichen Erfolg seien.

Tipps für den späten Ausbildungs-Einstieg

Für Interessierte, die sich vorstellen können, auch in höherem Alter einen Handwerksberuf zu erlernen, empfiehlt Catarina Haberstroh: „Informieren Sie sich ausführlich über die zahlreichen Ausbildungsberufe und -möglichkeiten. Nutzen Sie die Beratungsangebote der Handwerkskammer Karlsruhe. Recherchieren Sie, welche Unternehmen Ausbildungsstellen anbieten und scheuen Sie sich nicht, sich auch initiativ bei zu bewerben, selbst wenn gerade kein aktuelles Ausbildungsangebot vorliegt.“

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