23.07.2026
Es ist eine Zahl, die auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkt und doch viel über den Alltag vieler Familien verrät: Für Kinder unter drei Jahren stehen in Pforzheim 1.010 Betreuungsplätze zur Verfügung. Das entspricht einer Betreuungsquote von gut 25 Prozent. „Das ist zu wenig. Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden“, sagt Elwis Capece von der NGG Mittelbaden-Nordschwarzwald. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), auf die sich die Gewerkschaft beruft, liegt der tatsächliche Bedarf den Eltern bei der Betreuungsquote von Unter-3-Jährigen in Baden-Württemberg haben, bei 46 Prozent.
Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist das ein Problem, das sich durch die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes weiter verschärfen könnte. Denn wenn die tägliche Höchstarbeitszeit zugunsten einer flexibleren Wochenarbeitszeit gelockert werde, gerate das fein austarierte System aus Arbeits-, Kita- und Familienzeiten aus dem Gleichgewicht.
Die Gewerkschaft sieht vor allem die Planbarkeit des Familienalltags in Gefahr. Schon heute seien Arbeits- und Betreuungszeiten häufig eng aufeinander abgestimmt. Längere Arbeitstage könnten dieses fragile Gleichgewicht kippen.
„Wenn das passiert, dann bricht für Eltern jede Planung bei der Kinderbetreuung zusammen. Denn dann kann ein Arbeitstag auch mal zwei oder sogar dreieinhalb Stunden länger werden. Mit Verlässlichkeit, die Eltern dringend brauchen, hat das nichts mehr zu tun“, sagt Capece.
Besonders problematisch sei, dass sich Öffnungszeiten von Kindertagesstätten nicht spontan verlängern ließen. Wer sein Kind bis zu einer bestimmten Uhrzeit abholen müsse, könne einen unerwartet verlängerten Arbeitstag kaum auffangen.
„Meistens sind Kita- und Arbeitszeiten schon jetzt auf Kante genäht – also eng miteinander abgestimmt: Wer sein Kind in der Kita hat, der muss es auch pünktlich wieder abholen, bevor die Kita schließt. Aber wenn der Chef demnächst aus einem 8-Stunden-Tag einen Arbeitstag mit 10 oder 12 Stunden am Stück machen kann, wird es für Familien nahezu unmöglich, ihren Alltag verlässlich zu planen“, sagt Elwis Capece.
Die Kritik der NGG beschränkt sich nicht auf Eltern kleiner Kinder. Auch Menschen, die Angehörige pflegen, seien auf verlässliche Arbeitszeiten angewiesen. Pflege lasse sich ebenso wenig spontan verschieben wie die Betreuung eines Kindes.
„Wer sich zu Hause – zum Beispiel in enger Absprache mit Pflegediensten – um Angehörige kümmert, kann alles gebrauchen, aber keinen XL-Arbeitstag“, sagt der Geschäftsführer der NGG Mittelbaden-Nordschwarzwald. Auch bei der Pflege gelte: „Verlässlichkeit ist das A und O.“
Die Gewerkschaft verweist auf Ergebnisse der DGB-Beschäftigtenbefragung „Index Gute Arbeit“. Demnach kümmern sich bundesweit 51 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer regelmäßig um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Mehr als jede fünfte beschäftigte Person habe bereits heute häufig Schwierigkeiten, Beruf und Familie zeitlich miteinander zu vereinbaren. Bei alleinerziehenden Frauen liege dieser Anteil sogar bei 42 Prozent.
Vor diesem Hintergrund sieht Capece die Reformpläne kritisch.
„Sollte Schwarz-Rot jetzt den 8-Stunden-Tag abschaffen und bei der Wochenarbeitszeit ein Höchstlimit von 48 und in Ausnahmefällen sogar bis zu 73,5 Stunden setzen, würde die Bundesregierung damit echte Probleme für viele Familien in Pforzheim provozieren – im Job und in der Familie“, warnt Capece.
Für die NGG ist die Debatte auch eine wirtschaftspolitische. In Gastronomie, Lebensmittelhandwerk und Nahrungsmittelindustrie fehlten vielerorts qualifizierte Beschäftigte. Längere Arbeitstage seien aus Sicht der Gewerkschaft jedoch nicht die Antwort auf den Fachkräftemangel.
„Den Arbeitskräftemangel in diesen Betrieben lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kita-Plätze“, so Capece.
Hinzu kämen gesundheitliche Risiken. Mit zunehmender Arbeitsdauer steige das Unfallrisiko deutlich an, warnt die Gewerkschaft. Auch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Burnout könnten die Folge dauerhaft langer Arbeitstage sein.
„Nach 8 Stunden im Job steigt das Unfallrisiko immer mehr an. Nach 12 Stunden ist es sogar doppelt so hoch wie bei einem regulären 8-Stunden-Tag“, so Capece.
pm/tm
23.07.2026
Es ist eine Zahl, die auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkt und doch viel über den Alltag vieler Familien verrät: Für Kinder unter drei Jahren stehen in Pforzheim 1.010 Betreuungsplätze zur Verfügung. Das entspricht einer Betreuungsquote von gut 25 Prozent. „Das ist zu wenig. Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden“, sagt Elwis Capece von der NGG Mittelbaden-Nordschwarzwald. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI), auf die sich die Gewerkschaft beruft, liegt der tatsächliche Bedarf den Eltern bei der Betreuungsquote von Unter-3-Jährigen in Baden-Württemberg haben, bei 46 Prozent.
Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist das ein Problem, das sich durch die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes weiter verschärfen könnte. Denn wenn die tägliche Höchstarbeitszeit zugunsten einer flexibleren Wochenarbeitszeit gelockert werde, gerate das fein austarierte System aus Arbeits-, Kita- und Familienzeiten aus dem Gleichgewicht.
Die Gewerkschaft sieht vor allem die Planbarkeit des Familienalltags in Gefahr. Schon heute seien Arbeits- und Betreuungszeiten häufig eng aufeinander abgestimmt. Längere Arbeitstage könnten dieses fragile Gleichgewicht kippen.
„Wenn das passiert, dann bricht für Eltern jede Planung bei der Kinderbetreuung zusammen. Denn dann kann ein Arbeitstag auch mal zwei oder sogar dreieinhalb Stunden länger werden. Mit Verlässlichkeit, die Eltern dringend brauchen, hat das nichts mehr zu tun“, sagt Capece.
Besonders problematisch sei, dass sich Öffnungszeiten von Kindertagesstätten nicht spontan verlängern ließen. Wer sein Kind bis zu einer bestimmten Uhrzeit abholen müsse, könne einen unerwartet verlängerten Arbeitstag kaum auffangen.
„Meistens sind Kita- und Arbeitszeiten schon jetzt auf Kante genäht – also eng miteinander abgestimmt: Wer sein Kind in der Kita hat, der muss es auch pünktlich wieder abholen, bevor die Kita schließt. Aber wenn der Chef demnächst aus einem 8-Stunden-Tag einen Arbeitstag mit 10 oder 12 Stunden am Stück machen kann, wird es für Familien nahezu unmöglich, ihren Alltag verlässlich zu planen“, sagt Elwis Capece.
Die Kritik der NGG beschränkt sich nicht auf Eltern kleiner Kinder. Auch Menschen, die Angehörige pflegen, seien auf verlässliche Arbeitszeiten angewiesen. Pflege lasse sich ebenso wenig spontan verschieben wie die Betreuung eines Kindes.
„Wer sich zu Hause – zum Beispiel in enger Absprache mit Pflegediensten – um Angehörige kümmert, kann alles gebrauchen, aber keinen XL-Arbeitstag“, sagt der Geschäftsführer der NGG Mittelbaden-Nordschwarzwald. Auch bei der Pflege gelte: „Verlässlichkeit ist das A und O.“
Die Gewerkschaft verweist auf Ergebnisse der DGB-Beschäftigtenbefragung „Index Gute Arbeit“. Demnach kümmern sich bundesweit 51 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer regelmäßig um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Mehr als jede fünfte beschäftigte Person habe bereits heute häufig Schwierigkeiten, Beruf und Familie zeitlich miteinander zu vereinbaren. Bei alleinerziehenden Frauen liege dieser Anteil sogar bei 42 Prozent.
Vor diesem Hintergrund sieht Capece die Reformpläne kritisch.
„Sollte Schwarz-Rot jetzt den 8-Stunden-Tag abschaffen und bei der Wochenarbeitszeit ein Höchstlimit von 48 und in Ausnahmefällen sogar bis zu 73,5 Stunden setzen, würde die Bundesregierung damit echte Probleme für viele Familien in Pforzheim provozieren – im Job und in der Familie“, warnt Capece.
Für die NGG ist die Debatte auch eine wirtschaftspolitische. In Gastronomie, Lebensmittelhandwerk und Nahrungsmittelindustrie fehlten vielerorts qualifizierte Beschäftigte. Längere Arbeitstage seien aus Sicht der Gewerkschaft jedoch nicht die Antwort auf den Fachkräftemangel.
„Den Arbeitskräftemangel in diesen Betrieben lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kita-Plätze“, so Capece.
Hinzu kämen gesundheitliche Risiken. Mit zunehmender Arbeitsdauer steige das Unfallrisiko deutlich an, warnt die Gewerkschaft. Auch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Burnout könnten die Folge dauerhaft langer Arbeitstage sein.
„Nach 8 Stunden im Job steigt das Unfallrisiko immer mehr an. Nach 12 Stunden ist es sogar doppelt so hoch wie bei einem regulären 8-Stunden-Tag“, so Capece.
pm/tm
Jetzt Newsletter abonnieren und von vielen Vorteilen profitieren!