26.2.2026
von Sandra Gallian
Rund 160 Gäste folgten am 24. Februar der Podiumsdiskussion beim 4. Handwerkerforum der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis in den Räumen der Firma Spittelmeister. Unter dem Motto ‚Perspektive (Handwerks-) Mittelstand – Wirtschaftspolitik im Stresstest‘ diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Beratung und Gewerkschaft über Wettbewerbsfähigkeit, Reformbedarf und die Zukunft des Standorts Baden-Württemberg.
Nach einem lockeren Get-together mit musikalischer Untermalung der Pop-Akademie Mannheim startete die spannende Podiumsdiskussion mit Gastgeber und Kreishandwerksmeister Frank Herrmann sowie hochkarätigen Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaft: Günther H. Oettinger, Christoph Sajons, Marcus Berret, Peter Haas und Tom Wolters. Gemeinsam diskutierten sie über Wettbewerbsfähigkeit, Reformbedarf und die Zukunft des Standorts Baden-Württemberg.

Frank Herrmann eröffnete den Abend mit deutlichen Worten. Man befinde sich „in einer großen Phase der Verunsicherung bei Bürgern und Unternehmen“. Immer mehr Betriebe verlagerten Arbeitsplätze ins Ausland. Laut einer Studie der LBBW-Bank könnten in Baden-Württemberg bis 2030 über 200.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren gehen. Themen wie das Verbrenner-Aus oder die CO₂-Abgabe seien für viele Betriebe schwer kalkulierbar. Herrmann kritisierte, dass häufig verkannt werde, dass wirtschaftlicher Erfolg unternehmerischen Mut, Risikobereitschaft und Zuversicht voraussetze.
Zur Einordnung zitierte er Winston Churchill:
„Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.“
Trotz Steuereinnahmen von rund 1.000 Milliarden Euro im Jahr 2025 – etwa 30 Prozent mehr als 2020 – werde weiter über höhere Einnahmen diskutiert, statt strukturelle Probleme wie Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung grundlegend anzugehen. Während andere europäische Länder Wachstumsraten zwischen sechs und zwölf Prozent erzielten, stagniere Deutschland.

Günther H. Oettinger sprach sich deutlich für strukturelle Reformen aus. „Die Politik braucht den Mut, den Bürgern Veränderungen zuzumuten und zur Anstrengung aufzurufen. Wir brauchen eine neue Agenda für Wirtschaft und Arbeit“, sagte er.
Mehrarbeit sei ein wesentlicher Hebel, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Die Schweiz habe hier Vorteile, unter anderem durch rund zehn Prozent niedrigere Lohnstückkosten. Deutschland müsse bereit sein, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um nicht weiter an wirtschaftlicher Stärke zu verlieren. Von der neuen Bundesregierung seien bislang nicht die Impulse ausgegangen, die man sich erhofft habe. Ohne Reformen und Innovation drohe weiterer Abstieg. „Wir sind ein Segelflieger ohne Thermik, wir trudeln vor uns hin“, sagte Oettinger. Steuererhöhungen lehne er ab. Stattdessen müsse der Missbrauch staatlicher Leistungen reduziert und die Reformbereitschaft gestärkt werden. Gleichzeitig warb er für mehr ehrenamtliches Engagement in der Politik, damit auch das Handwerk seine Interessen stärker einbringen könne.
Auch die Klimapolitik müsse international gedacht werden. Während global 2050 als Ziel für CO₂-Neutralität gelte, setzten Deutschland und einzelne Bundesländer deutlich frühere Fristen. „Geht’s eigentlich noch?“, fragte Oettinger mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Marcus Berret, Unternehmensberater bei Roland Berger, zeichnete ein deutliches Bild der Lage in der Automobilindustrie. In Deutschland gebe es rund 750.000 Arbeitsplätze in der Branche. In den vergangenen 18 Monaten seien etwa 50.000 Stellen verloren gegangen – Tendenz weiter sinkend.
Hinter jedem dieser Arbeitsplätze stünden Familien und weitere Dienstleister, die indirekt betroffen seien. Die Produktion sei von sechs Millionen Fahrzeugen auf vier Millionen gesunken und könne perspektivisch weiter zurückgehen. Weltweit sei der Automarkt in den vergangenen 15 Jahren von 60 auf 90 Millionen Fahrzeuge gewachsen – 80 Prozent des Wachstums entfielen auf China. Deutschland hingegen habe Marktanteile verloren.
„Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagte Berret. Reformen wie die Agenda 2010 unter Gerhard Schröder hätten Wirkung gezeigt, seien jedoch inzwischen aufgezehrt. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik müssten gemeinsam handeln.

Dr. Christoph Sajons vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim verwies auf die demografische Entwicklung als strukturelle Herausforderung. Ab 2026 gingen geburtenstarke Jahrgänge mit rund 1,5 Millionen Geburten pro Jahr in Rente, während aktuell nur rund 680.000 Kinder jährlich geboren würden. Derzeit kämen 38 Rentner auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. In zwölf Jahren werde das Verhältnis bei 51 zu 100 liegen. Renten-, Gesundheits- und Pflegekosten müssten von immer weniger Erwerbstätigen getragen werden. Zwar befürworteten 58 Prozent der Bürgerinnen und Bürger eine große Rentenreform, doch es fehle Einigkeit über deren Ausgestaltung. Sajons plädierte für einen parteiübergreifenden gesellschaftlichen Konsens.
Tom Wolters, Erste Bevollmächtigter der IG Metall Pforzheim betonte, dass trotz unterschiedlicher Positionen Konsens möglich sei. Der Stellenabbau im industriellen Bereich bereite Sorgen. Reformen seien notwendig, jedoch brauche es alternative Konzepte. Man sei bereit, Einschnitte – etwa geringere Löhne – zu akzeptieren, sofern Beschäftigung gesichert und die eingesparten Mittel sinnvoll eingesetzt würden. Zudem könne ein Übergang von Industriearbeitskräften ins Handwerk Chancen eröffnen. Flexible Arbeitszeitmodelle und Tarifverträge seien hier wichtige Instrumente.

Ein weiteres zentrales Thema war der Bürokratieabbau. Rund zwölf Prozent der Arbeitszeit gingen für Verwaltungsaufgaben verloren. Oettinger verwies auf die europäische Ebene und kritisierte die Regulierungsdichte unter Ursula von der Leyen. Viele Vorgaben seien in der Praxis kaum umsetzbar. Ohne stärkere Interessenvertretung in Brüssel werde sich daran wenig ändern. Berret sprach sich zumindest für effizientere Verfahren aus und verwies auf Beispiele aus Skandinavien oder Bayern, wo einfache Steuererklärungen bereits vorausgefüllt würden.

Zum Abschluss verbanden die Diskussionsteilnehmer ihre Ausführungen zu einem gemeinsamen Appell: Frank Herrmann forderte mehr Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage einer starken liberalen Demokratie, Marcus Berret ein klares Mandat für handlungsfähige Politik und größere Leistungsbereitschaft, während Peter Haas auf das politische Gewicht des Handwerks verwies – jeder zehnte Wahlberechtigte in Baden-Württemberg ist Handwerker. Tom Wolters plädierte zugleich für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern, Politik und Wissenschaft.

26.2.2026
von Sandra Gallian
Rund 160 Gäste folgten am 24. Februar der Podiumsdiskussion beim 4. Handwerkerforum der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis in den Räumen der Firma Spittelmeister. Unter dem Motto ‚Perspektive (Handwerks-) Mittelstand – Wirtschaftspolitik im Stresstest‘ diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Beratung und Gewerkschaft über Wettbewerbsfähigkeit, Reformbedarf und die Zukunft des Standorts Baden-Württemberg.
Nach einem lockeren Get-together mit musikalischer Untermalung der Pop-Akademie Mannheim startete die spannende Podiumsdiskussion mit Gastgeber und Kreishandwerksmeister Frank Herrmann sowie hochkarätigen Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaft: Günther H. Oettinger, Christoph Sajons, Marcus Berret, Peter Haas und Tom Wolters. Gemeinsam diskutierten sie über Wettbewerbsfähigkeit, Reformbedarf und die Zukunft des Standorts Baden-Württemberg.

Frank Herrmann eröffnete den Abend mit deutlichen Worten. Man befinde sich „in einer großen Phase der Verunsicherung bei Bürgern und Unternehmen“. Immer mehr Betriebe verlagerten Arbeitsplätze ins Ausland. Laut einer Studie der LBBW-Bank könnten in Baden-Württemberg bis 2030 über 200.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren gehen. Themen wie das Verbrenner-Aus oder die CO₂-Abgabe seien für viele Betriebe schwer kalkulierbar. Herrmann kritisierte, dass häufig verkannt werde, dass wirtschaftlicher Erfolg unternehmerischen Mut, Risikobereitschaft und Zuversicht voraussetze.
Zur Einordnung zitierte er Winston Churchill:
„Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.“
Trotz Steuereinnahmen von rund 1.000 Milliarden Euro im Jahr 2025 – etwa 30 Prozent mehr als 2020 – werde weiter über höhere Einnahmen diskutiert, statt strukturelle Probleme wie Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung grundlegend anzugehen. Während andere europäische Länder Wachstumsraten zwischen sechs und zwölf Prozent erzielten, stagniere Deutschland.

Günther H. Oettinger sprach sich deutlich für strukturelle Reformen aus. „Die Politik braucht den Mut, den Bürgern Veränderungen zuzumuten und zur Anstrengung aufzurufen. Wir brauchen eine neue Agenda für Wirtschaft und Arbeit“, sagte er.
Mehrarbeit sei ein wesentlicher Hebel, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Die Schweiz habe hier Vorteile, unter anderem durch rund zehn Prozent niedrigere Lohnstückkosten. Deutschland müsse bereit sein, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um nicht weiter an wirtschaftlicher Stärke zu verlieren. Von der neuen Bundesregierung seien bislang nicht die Impulse ausgegangen, die man sich erhofft habe. Ohne Reformen und Innovation drohe weiterer Abstieg. „Wir sind ein Segelflieger ohne Thermik, wir trudeln vor uns hin“, sagte Oettinger. Steuererhöhungen lehne er ab. Stattdessen müsse der Missbrauch staatlicher Leistungen reduziert und die Reformbereitschaft gestärkt werden. Gleichzeitig warb er für mehr ehrenamtliches Engagement in der Politik, damit auch das Handwerk seine Interessen stärker einbringen könne.
Auch die Klimapolitik müsse international gedacht werden. Während global 2050 als Ziel für CO₂-Neutralität gelte, setzten Deutschland und einzelne Bundesländer deutlich frühere Fristen. „Geht’s eigentlich noch?“, fragte Oettinger mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Marcus Berret, Unternehmensberater bei Roland Berger, zeichnete ein deutliches Bild der Lage in der Automobilindustrie. In Deutschland gebe es rund 750.000 Arbeitsplätze in der Branche. In den vergangenen 18 Monaten seien etwa 50.000 Stellen verloren gegangen – Tendenz weiter sinkend.
Hinter jedem dieser Arbeitsplätze stünden Familien und weitere Dienstleister, die indirekt betroffen seien. Die Produktion sei von sechs Millionen Fahrzeugen auf vier Millionen gesunken und könne perspektivisch weiter zurückgehen. Weltweit sei der Automarkt in den vergangenen 15 Jahren von 60 auf 90 Millionen Fahrzeuge gewachsen – 80 Prozent des Wachstums entfielen auf China. Deutschland hingegen habe Marktanteile verloren.
„Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagte Berret. Reformen wie die Agenda 2010 unter Gerhard Schröder hätten Wirkung gezeigt, seien jedoch inzwischen aufgezehrt. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik müssten gemeinsam handeln.

Dr. Christoph Sajons vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim verwies auf die demografische Entwicklung als strukturelle Herausforderung. Ab 2026 gingen geburtenstarke Jahrgänge mit rund 1,5 Millionen Geburten pro Jahr in Rente, während aktuell nur rund 680.000 Kinder jährlich geboren würden. Derzeit kämen 38 Rentner auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. In zwölf Jahren werde das Verhältnis bei 51 zu 100 liegen. Renten-, Gesundheits- und Pflegekosten müssten von immer weniger Erwerbstätigen getragen werden. Zwar befürworteten 58 Prozent der Bürgerinnen und Bürger eine große Rentenreform, doch es fehle Einigkeit über deren Ausgestaltung. Sajons plädierte für einen parteiübergreifenden gesellschaftlichen Konsens.
Tom Wolters, Erste Bevollmächtigter der IG Metall Pforzheim betonte, dass trotz unterschiedlicher Positionen Konsens möglich sei. Der Stellenabbau im industriellen Bereich bereite Sorgen. Reformen seien notwendig, jedoch brauche es alternative Konzepte. Man sei bereit, Einschnitte – etwa geringere Löhne – zu akzeptieren, sofern Beschäftigung gesichert und die eingesparten Mittel sinnvoll eingesetzt würden. Zudem könne ein Übergang von Industriearbeitskräften ins Handwerk Chancen eröffnen. Flexible Arbeitszeitmodelle und Tarifverträge seien hier wichtige Instrumente.

Ein weiteres zentrales Thema war der Bürokratieabbau. Rund zwölf Prozent der Arbeitszeit gingen für Verwaltungsaufgaben verloren. Oettinger verwies auf die europäische Ebene und kritisierte die Regulierungsdichte unter Ursula von der Leyen. Viele Vorgaben seien in der Praxis kaum umsetzbar. Ohne stärkere Interessenvertretung in Brüssel werde sich daran wenig ändern. Berret sprach sich zumindest für effizientere Verfahren aus und verwies auf Beispiele aus Skandinavien oder Bayern, wo einfache Steuererklärungen bereits vorausgefüllt würden.

Zum Abschluss verbanden die Diskussionsteilnehmer ihre Ausführungen zu einem gemeinsamen Appell: Frank Herrmann forderte mehr Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage einer starken liberalen Demokratie, Marcus Berret ein klares Mandat für handlungsfähige Politik und größere Leistungsbereitschaft, während Peter Haas auf das politische Gewicht des Handwerks verwies – jeder zehnte Wahlberechtigte in Baden-Württemberg ist Handwerker. Tom Wolters plädierte zugleich für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern, Politik und Wissenschaft.

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