Zitat Autor
WirtschaftsKRAFTplus ist in der Tat ein „Plus“ – ein Mehr an Themen, an Hintergründen und an Aktualität. Mit dieser Plattform wird die wirtschaftliche Kompetenz des Standortes Pforzheim medial begleitet und weit in die Region getragen.

Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

Newsletter Anmeldung

+ monatliche Erscheinung
+ aktuelle Themen und wichtige Termine
+ neue Unternehmensportraits und Unternehmensprofile
Datenverarbeitungshinweis*

Welche Bedeutung hat Tourismus in Baden-Württemberg – und wie nachhaltig ist er?

„Du bist Tourismus!“ Mit dieser vertraulichen Anrede startet das baden-württembergische Wirtschaftsministerium eine breit angelegte Akzeptanz-Kampagne, mit der die Bedeutung dieses wichtigen Wirtschaftszweiges, etwa als Job-Motor und Infrastruktur-Generator deutlich gemacht werden soll. Der Grund: Laut einer dwif-Umfrage stehen vor allem jüngere Menschen im Südwesten dem Tourismus kritisch gegenüber. Derweil bekommt das Thema Nachhaltigkeit in der Branche Auftrieb: zwei Beispiele.
Experten-Podium im Kompetenzzentrum Tourismus mit (von links): Moderatorin Nathalie Tenckhoff (Wilde & Partner), Staatssekretär Dr. Patrick Rapp, STG-Geschäftsführer Hansjörg Mair und Nationalpark-Ranger Urs Reif sowie den Hoteliers Günther Wiesler (Titisee) und Stephan Bode (Bade Herrenalb). ©GerdLache

Von Gerd Lache | 13.05.2022

Stephan Bode rennt keinem Hype hinterher, wenn er den Tagungs-Teilnehmenden in seinem Bad Herrenalber Panorama-Hotel zum Abschied ein Zertifikat überreicht, in dem ihnen bestätigt wird, dass sie an einer „klimaneutralen Veranstaltung“ teilgenommen haben. Das kommt zwar als aktuell trendig rüber, aber Bode hat bereits 2005 von konventionell auf bio umgestellt, also zu einer Zeit, als Nachhaltigkeit im gesellschaftlichen Wortschatz ein blinder Fleck war.

Überhaupt das Wort Nachhaltigkeit – Bode würde es lieber durch Qualität, besser noch Lebensqualität ersetzt wissen. Eigentlich sei nachhaltiges Wirtschaften nichts anderes als ein Zurück zu den Wurzeln. „Es geht um eine ursprüngliche Qualität. Schön und rein, so wie uns die Natur das gegeben hat.“ Dafür müsse der Gast zwar ein paar Euro mehr hinblättern. Aber er müsse sich auch keine Gedanken darüber machen, ob in seinem Hotelzimmer toxische Stoffe aus Teppich oder Möbeln seine Gesundheit belasten würden. Bode hat Erfolg mit seinem Konzept, wie er sagt.

„Wir haben nur diese eine Mutter Natur“, sagt der Bad Herrenalber Hotelier Stephan Bode und stellte 2005 komplett von konventionell auf bio um. ©GerdLache

Der Hotelier aus dem Nördlichen Schwarzwald war einer der Podiums-Diskutanten, die sich im Kompetenzzentrum Tourismus (KT) in Freiburg beim Experten-Talk nicht nur über Nachhaltigkeit, sondern insbesondere auch über die vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium initiierte Kampagne „Du bist Tourismus!“ ausgetauscht haben.

Ziel der Kampagne ist es laut Tourismus-Staatssekretär Dr. Patrick Rapp, „das Thema Tourismusbewusstsein stärker in den Fokus zu rücken und die Akzeptanz zu erhöhen.“ Das hat Gründe, wie Lars Bengsch erläutert. Der Geschäftsführer der dwif Consulting GmbH übernimmt bei dieser Du-Initiative die marktforschende Begleitung, während die Kommunikations-Agentur Wilde & Partner die Begeisterung der Baden-Württemberger für den Tourismus anheben soll.

Tourismus-Staatssekretär Dr. Patrick Rapp stellt in Freiburg die Landeskampagne „Du bist Tourismus“ vor. ©GerdLache

Mit einigen Auszügen aus der dwif-Umfrage unter mehr als 2400 Personen macht Bengsch vor Podium und Gästen im Kompetenzzentrum einerseits deutlich, dass die Bevölkerung von „The Länd“ dem Thema Tourismus in der Region „weitestgehend positiv“ zugetan sei. Auf einer Skala von 0 bis 100 landet Baden-Württemberg bei 66 Akzeptanzpunkten, die Schwarzwälder schneiden mit einem Wert von 71 sogar noch besser ab.

Man sei stolz, in der Region zu leben, gaben immerhin 92 Prozent der Befragten an. Viele Einwohner erkennen der Umfrage zufolge die positiven Effekte des Tourismus, etwa Bau und Ausbau von Infrastruktur- und Freizeit-Einrichtungen, die nicht nur von Urlaubsgästen, sondern auch von Einheimischen genutzt werden könnten. Beim gastronomischen Angebot glauben 70 Prozent, dass es nicht in dieser zahlenmäßigen Fülle vorhanden wäre ohne Tourismus. Man sehe die Branche als Innovationstreiber, von dem auch andere Wirtschaftszweige profitieren würden. Und nicht zuletzt werde die Bedeutung im Hinblick auf die Fachkräftezuwanderung positiv beurteilt, denn wo eine Destination touristisch attraktiv sei, würden auch Beschäftigte gerne leben wollen. Und überhaupt: Der Tourismus im Land bringt immerhin rund 380.000 Beschäftigte in Lohn und Brot.  

Legte die Eckpunkte der Ergebnisse einer landesweiten Umfrage vor: Lars Bengsch, Geschäftsführer von dwif. ©GerdLache

Also eitel Sonnenschein über dem Schwarzwald? Nein: Im Umfrage-Ergebnis haben sich drei kritische Punkte herausgeschält, die aber im Vergleich mit anderen Regionen „wenig ausgeprägt sind“.

Punkt 1: Die Verkehrsprobleme werden in einer Ferienregion grundsätzlich als problematisch angesehen. Allerdings halten die Touristiker hier mit einer nahezu einmaligen Aktion dagegen:  Urlauber haben mit der Konus-Gästekarte „freie Fahrt mit Bussen und Bahnen im gesamten Schwarzwald“.

 Punkt 2: Die Einheimischen beklagen Preissteigerungen bei Grundstücken und Freizeitangeboten sowie bei allgemeinen Einkäufen. Erscheinungen, die oft mit einem Tourismusgebiet verbunden werden. Die Schwarzwald-Region würde Bengsch jedoch nicht als Overtourism-Destination bezeichnen.

Punkt 3: Behauptet wurde, dass ausschließlich die Hotellerie und Gastronomie profitieren würde. Das ließ Bengsch nicht unkommentiert, weil unzutreffend, wie er sagt: Tourismus sei eine Querschnittsbranche. Soll heißen: Sehr viele andere Branchen und deren Beschäftigte zögen aus dem Tourismus Umsatz und Einkommen. Handwerksbetriebe, Handel und Dienstleister seien nur einige Beispiele.

Braucht’s bei so viel positivem Anteil dennoch eine landesweite Aufklärungskampagne? Ja, denn: „Bei allen Aussagen kann man feststellen, dass die jüngere Altersgruppe bezüglich Akzeptanz und Bewusstsein sehr viel kritischer ist“, stellt der dwif-Geschäftsführer anhand der Umfrageergebnisse fest. Das bedeute: „Hier müssen wir Aufklärung betreiben, hier müssen wir Bewusstsein schaffen, was der Tourismus auch für die Lebensqualität der jungen Bevölkerung beiträgt.“

Engagierter und umtriebiger Touristiker: Hansjörg Mair (rechts), Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH, im Experten-Gespräch mit Tourismus-Staatssekretär Patrick Rapp. ©GerdLache

Da ist Hansjörg Mair froh „eine so starke Marke wie den Schwarzwald vertreten zu können“, die mit vielen positiven und innovativen Argumenten auftrumpfen könne. Der Chef der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) ist für die Vermarktung der Destination verantwortlich.

Wenngleich sich, unter anderem bedingt durch Corona, die Deutschen derzeit auf ihr eigenes Land – und auch auf den Schwarzwald – als Urlaubsziel konzentrieren würden, so glaubt Mair nicht an einen nachhaltigen Trend zum Urlaub daheim: „Es wird einen Nachholeffekt geben, nicht dieses oder nächstes Jahr, aber er kommt“, ist der STG-Chef sicher. Das Gleiche gelte freilich auch für die Erholungssuchenden in den anderen Ländern. „Wir sind darauf eingestellt.“

Der vegetarische Klima-Teller im Seehotel Wiesler ist bei den Gästen ein Renner, sagt Hotel-Chef Günther Wiesler. ©GerdLache

Das Haus von Günther Wiesler mit seiner Lage direkt am Titisee ist nicht nur gut frequentiert. Der Chef des Seehotels Wiesler hat sich bereits seit vielen Jahren der Nachhaltigkeit verschrieben – wie sein Kollege Bode aus Bad Herrenalb –, lange bevor das Thema zum Trend wurde, sagt Wiesler. „Es begleitet mich schon mein ganzes Leben.“ In seinem Haus sei mit Holz geheizt worden, „als Nachhaltigkeit in diesem Zusammenhang noch gar kein Wort war“.

Am Anfang sei es lediglich um umweltfreundliche Technik gegangen. Inzwischen hat das Seehotel eine breite Nachhaltigkeits-Palette. Beispielsweise werden die Gerichte auf der Speisekarte mit dem jeweiligen CO2-Ausstoß ausgewiesen. Der Bad Herrenalber Panorama-Hotel-Chef ist begeistert von der Idee: „Ich habe meinem Küchenchef gesagt, das will ich auch haben.“

Wiesler gesteht: „Wir experimentieren momentan noch, inwieweit man Gästen solche Zahlen überhaupt zumuten darf oder will. Das Ziel sei, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, „aber niemals mit erhobenem Zeigefinger oder der Peitsche“. Offenbar hat der Hotelier guten Erfolg damit: „Unser Klima-Teller ist ein Renner“, sagt er. Das Gericht sei vegetarisch und „nicht das preiswerteste auf der Karte, aber die Gäste bestellen das sehr oft“. Wiesler will damit auch kommunizieren, „dass ein Essen mit Fleisch unheimlich viel CO2 emittiert“.

Und er geht noch weiter: Jeder Hotelgast, auch wenn er nur eine Nacht geblieben ist, bekomme ein Zertifikat, das ausweise, wie viel CO2 er mit der Übernachtung gegenüber einem Hotel ohne nachhaltiges Wirtschaften eingespart habe.

Verzicht zum Schutz der Natur muss für die Gesellschaft „sexy“ werden, fordert Nationalpark-Ranger Urs Reif. ©GerdLache

Urs Reif leitet die weiblichen und männlichen Ranger im Nationalpark Schwarzwald, der zuletzt mehr als eine Million Besucher im Jahr zählte. Dass Corona-bedingt weniger Fernreisen stattgefunden haben, „das haben wir im Nationalpark schon gemerkt. Wie weit das anhält, muss man sehen“.

Reif sieht beim Thema Nachhaltigkeit und Schutz der Natur die unbedingte Notwendigkeit, „Verzicht sexyer zu machen, denn nur so bekommen wir es hin“. Insbesondere Schulklassen und jüngere Besuchergruppen sind dem Nationalpark-Ranger zufolge auf einem guten Weg. „Die nehmen es als Herausforderung, von ihrer Schule oder ihrem Heimatort aus mit dem öffentlichen Personennahverkehr  zu ihrem Ziel und zurück zu kommen.“

Für Tourismus-Staatssekretär Patrick Rapp ist dann ein wichtiges Ziel erreicht, „wenn Nachhaltigkeit zur Normalität geworden ist. Wenn es nichts mehr ist, auf das man besonders hinweist.“ Mit dem Bad Herrenalber Hotelier sieht er sich einig: „Der Nachhaltigkeitsaspekt muss Teil eines Qualitätsbegriffs sein.“ Und dieser müsse in vielen Bereichen verankert werden, „bis rein in die Ausbildung von Servicekräften, von Küchenmeistern, aber auch in die weitergehenden Ausbildung bis hin zum Studium“.

Moderatorin der Experten-Runde im Kompetenzzentrum Tourismus: Nathalie Tenckhoff von der Kommunikationsagentur Wilde & Partner. ©GerdLache

Darum: Die Initiative „Du bist Tourismus!“

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg initiiert die breit angelegte Dialog-Initiative zur Steigerung der Tourismusakzeptanz. Laut Tourismus-Staatssekretär Dr. Patrick Rapp gehört der Südwesten Deutschlands seit jeher zu den relevanten touristischen Bundesländern.

In den sechs Tourismusregionen im Land wurden vor Corona mehr als 25 Milliarden Euro Brutto-Umsatz pro Jahr durch die touristischen Leistungsträger erwirtschaftet. Der Tourismus sichert umgerechnet das Einkommen von knapp 380.000 Menschen im Land. „Damit ist der Tourismus eine Leitökonomie, die auch mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie ein besonderes Augenmerk erfordert“, es sei ein bedeutender Wirtschaftszweig im Land, betont Rapp.

„Wir stellen jedoch fest, dass neben den vielen positiven Effekten, die der Tourismus für die Regionen mit sich bringt, auch negative Aspekte in Diskussionen eine Rolle spielen.“ Eine aktuelle Umfrage des dwif, bei der mehr als 2400 Personen befragt wurden, besagt, dass gerade jüngere Menschen in Baden-Württemberg dem Tourismus geringere Bedeutung zumessen und ihm auch kritischer gegenüberstehen.

Die von der Kommunikationsagentur Wilde & Partner entwickelte und in Zusammenarbeit mit dem dwif wissenschaftlich begleitete Initiative solle daher aufklären, Potenziale aufzeigen und die Begeisterung für den Tourismus steigern.

Rapp: „Wir wollen dabei Zusammenhänge aufzeigen und die Bevölkerung besser mitnehmen. Viele Bereiche des öffentlichen Lebens, Kultur-Einrichtungen, öffentlicher Nahverkehr, gastronomische Angebote, aber vor allem auch die medizinische Versorgung sowie die Nahversorgung im ländlichen Raum wären ohne die touristische Infrastruktur nicht auf dem heutigen Niveau.“  (pm/gel)

Auch das Fachpublikum kam beim Experten-Talk zu Wort, wie hier der promovierte Forstwissenschaftler und Bürgermeister von Malsburg-Marzell, Mario Singer, der für seine Amtsgeschäfte grundsätzlich mit dem E-Bike statt dem Dienstauto unterwegs ist. ©GerdLache

Siehe auch WirtschaftsKRAFT-Beitrag zur Eröffnung des Kompetenzzentrums Tourismus (KT) mit Video:

„Ein Leuchtturm im Schwarzwald“

Jetzt Newsletter abonnieren und von vielen Vorteilen profitieren!