Wie ein Gechinger Jungunternehmer regionalen Whisky und nachhaltigen Gin neu denkt

Mit der Heckengäu Brennerei in Gechingen hat Leonard Wilhelm aus einer spontanen Schnapsidee ein durchdachtes, nachhaltiges Unternehmen aufgebaut – regional verwurzelt, handwerklich geprägt und mit langem Atem für Whisky, Likör und Gin.
Leonard Wilhelm brennt Whisky, Gin und Liköre in Gechingen im Heckengäu. Foto: Sandra Gallian

29.12.2025

„Ich wollte etwas machen, wofür ich brenne.“ Zweifel? Fehlanzeige. „Wenn man zu viel darüber nachdenkt, kommen die Zweifel. Deshalb bin ich einfach volle Fahrt voraus.“
Leonard Wilhelm

von Sandra Gallian

Von der Schnapsidee zum Unternehmenskonzept

Die Idee entstand – wie sollte es anders sein – bei einem Glas Whisky. 2016 saß Leonard Wilhelm mit seinem Vater zusammen, als der Funke übersprang. „Aus einer Schnapsidee wurde eine Whisky-Idee“, erzählt er. Ein Fass Whisky wollte er ursprünglich nur hobbymäßig herstellen. Doch schnell merkte er, wie streng die Regularien in Deutschland sind.

Wer für den Eigenbedarf produzieren will, muss eine Abfindungsbrennerei nutzen, eigene Früchte oder Getreide mitbringen und Steuern zahlen. „Dafür hätte ich mir erst einen Acker kaufen und Getreide anbauen müssen – das war keine Option“, sagt Wilhelm. Auch der Weg über eine eigene Landwirtschaft wäre unrealistisch gewesen. Die Konsequenz: entweder aufgeben – oder ernst machen.

„Ein nachhaltiges Produkt muss am Ende besser sein als das konventionelle. Sonst gibt es für den Kunden keinen Grund, mehr zu bezahlen“. Foto: Sandra Gallian

Ausbildung, Mut und ein klarer Entschluss

Nach seinem Studium in Economics and Business Administration entschied Wilhelm sich für Letzteres. Er absolvierte eine kompakte Ausbildung zum Brennereibetreiber, inklusive Praktika und Uni-Lehrgängen. Dann sprang er ins kalte Wasser.

„Eine reine Schreibtischtätigkeit war nichts für mich“, sagt er. „Ich wollte etwas machen, wofür ich brenne.“ Zweifel? Fehlanzeige. „Wenn man zu viel darüber nachdenkt, kommen die Zweifel. Deshalb bin ich einfach volle Fahrt voraus.“

Dass die Gründung herausfordernd wird, war ihm bewusst. Eine Whisky-Brennerei verlangt enorme Vorleistungen: Die Fässer müssen befüllt werden, bevor das erste Produkt reif ist, das Geschäft aufgebaut, ein Lager gefüllt werden. „Am Anfang ist es viel Arbeit ohne Resultat – eine Durststrecke. Finanziell war das ein Risiko. Aber wenn man investieren will, dann am besten, solange man jung ist“, sagt Wilhelm.

3000 bis 5000 Flaschen Whisky und 1000 bis 3000 Flaschen Gin produziert Wilhelm mit seiner Brennerei jährlich.

Stabilität anstatt schnelles Wachstum

Whisky ist ein Langzeitgeschäft. Drei Jahre Reifung, dann Vermarktung, dann Kundenaufbau – zehn Jahre können vergehen, bis sich die Investition auszahlt. Viele Brennereien kämpfen deshalb mit hohen Schulden und Unsicherheiten.

Wilhelms Ansatz ist ein anderer. „Ich wollte ein solides Unternehmen, das langfristig funktioniert und nicht auf schnelles Wachstum ausgelegt ist.“ Daraus entstand sein heutiges Konzept: regional, überschaubar und wirtschaftlich stabil.

Eine halbe Million Euro investierte Wilhelm insgesamt – zusätzlich unterstützt durch das LEADER-Förderprogramm der EU, das ländliche Entwicklung stärkt. Dazu fand er ein passendes Gebäude im Nachbarort Gechingen. Ein Glücksfall: „Im Landkreis Böblingen hätte das Objekt doppelt so viel gekostet.“

Breites Sortiment und Lohnbrennerei als Standbein

Zum Whisky kamen Gin und Liköre hinzu – eine bewusste Entscheidung. „Es wäre wirtschaftlich unklug, nur Gin zu produzieren. Aber keinen Gin zu produzieren, wäre genauso unklug“, erklärt er und lacht.

Besonders spannend findet er das Lohnbrennen: personalisierte Produkte für Firmen oder Privatpersonen. Gebrandete Flaschen mit Firmenlogo sind gefragt – ein wachsender Markt.

Auf die Flaschen aus recyceltem Glas können auch Logos aufgedruckt werden.

Nachhaltigkeit als Grundhaltung

Nachhaltigkeit ist für Wilhelm kein Schlagwort, sondern ein Leitprinzip. Die Brennerei erzeugt ohnehin wenig CO₂, daher setzt er den Schwerpunkt auf Regionalität. Die Gin-Zutaten stammen fast vollständig aus dem Heckengäu – mit einer Ausnahme: Der Wacholder steht im Naturschutzgebiet und darf nicht geerntet werden.

„Ein nachhaltiges Produkt muss am Ende besser sein als das konventionelle. Sonst gibt es für den Kunden keinen Grund, mehr zu bezahlen“, sagt Wilhelm.

Das zeigt sich auch in der Verpackung: Flaschen aus 100 % Altglas, Naturkorken ohne Klebstoff, Verschlüsse aus Papier oder Bienenwachs, Etiketten aus Graspapier oder im Siebdruckverfahren bedruckt. Zudem unterstützt Wilhelm Naturschutzprojekte des Schwarzwaldvereins und kleine Brennereien, die Streuobst verarbeiten.

Produktion in kleinen Mengen

Die Brennerei produziert jährlich sechs bis zehn Fässer Whisky zu je 200 Litern – das entspricht 3000 bis 5000 Flaschen. Beim Gin sind es 1000 bis 3000 Flaschen. 80 % der Kundschaft kauft Geschenke ein, nur ein kleiner Teil für den Eigenbedarf.

Trotz steigender Energiekosten blieben die Preise stabil. „Wir zahlen seit Beginn etwa das Doppelte für Rohstoffe, vor allem Getreide. Aber der Anteil am Endprodukt ist gering genug, um die Preise halten zu können.“

Mindestens drei Jahre muss der Whisky in Fässern reifen.

Direktvertrieb, Veranstaltungen und Geheimtipp-Faktor

Donnerstags und freitags hat die Brennerei von 14 bis 19 Uhr geöffnet, ansonsten nach Termin. Vermarktet wird über den eigenen Laden, den Fachhandel, Online-Shop sowie Events.

Beliebt sind Führungen, Verkostungen und Schnapswanderungen. Auch auf Weihnachtsmärkten im Umkreis von 20 Kilometern ist Wilhelm präsent. „Unser Ziel ist es, Stammkunden zu gewinnen – langsam und regional. Wir leben von persönlicher Beratung und vom Geheimtipp-Faktor.“

Ein echtes Highlight im Ort: Donnerstags verwandelt sich der Verkaufsraum in einen Yoga-Raum – ein ungewöhnliches, aber erfolgreiches Konzept.

Angekommen in Gechingen

Heute fühlt sich Leonard Wilhelm in Gechingen zuhause. „Ich bin angekommen“, sagt er. Und das spürt man: in seinen Produkten, in der Atmosphäre der Brennerei – und im Engagement für die Region.

Alle Fotos: Sandra Gallian

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