Steile Hänge, starke Visionen: Wie eine Hessigheimerin die Steillagen neu erfindet

Steillagen gehören zu den anspruchsvollsten Flächen, die der Weinbau zu bieten hat. Sie erfordern Ausdauer, Präzision und ein Verständnis für Naturprozesse, das weit über klassische Winzerarbeit hinausgeht. In Hessigheim zeigt Isabel Gil, dass diese Arbeit nicht nur möglich, sondern zukunftsweisend sein kann.
Isabel Gil bewirtschaftet fast 5.000 Quadratmeter Steillage. Foto: Isabel Gil

18.12.2025

von Sandra Gallian


Isabel Gil, zweifache alleinerziehende Mutter, voll berufstätig als Mitarbeiterin der Stadt Heilbronn, beeidigte Dipl.-Übersetzerin vom Landgericht Heilbronn und als Unternehmerin, denkt das System Steillage gerade neu. Was als persönlicher Ausgleich zu ihrem sitzenden Bürojob begann, ist für die 47-Jährige heute ein ausgeklügeltes Konzept aus Weinbau, Permakultur, mediterraner Bepflanzung, Biodiversität und Tourismus.
 „Andere gehen ins Fitnessstudio – ich bin glücklich, wenn ich drei Mal die Woche in den Weinberg gehen darf“, sagt sie und strahlt.

Vom Fitnessersatz zum unternehmerischen Konzept

Obwohl sie mit Leidenschaft die Geschäftsstelle des Beirats für Partizipation und Integration leitet und den Schwerpunkt der Arbeitsmarktintegration von internationalen Bürgern, hat sie den Schritt in den Weinbau nie als Berufswechsel betrachtet, sondern als Leidenschaft. „Ich habe meinen Beruf als angestellte Akademikerin nie aufgegeben – und wollte es auch nicht“, erzählt sie. „Aber die Steillagen geben mir eine Energie und den Ausgleich, den ich durch eine reine Bürotätigkeit niemals bekommen kann. Die Weinberge halten mich jung und fit.“

Während viele Winzer mit steigenden Kosten, Klimawandel und Arbeitskräftemangel kämpfen, setzt Isabel Gil auf Diversifikation. Foto: Isabel Gil

Vor fast 19 Jahren zog sie von Stuttgart nach Hessigheim – eine Kulturlandschaft, die sie sofort fesselte. Dort fand sie ihr heutiges Zuhause: ein 50er-Jahre-Haus mit einem alten Weinkeller, der sie beim ersten Betreten begeisterte.
„Das war Liebe auf den ersten Blick. Der Gewölbekeller war der erste Raum, den ich renoviert habe – komplett allein, mit der Schleifmaschine.“

Heute bewirtschaftet sie fast 5.000 Quadratmeter Steillage, maximal sollen es einmal 1 Hektar werden. Die ersten Flächen, die sie übernahm, waren heruntergekommen: verbuschte Terrassen, zugeschüttete Treppen, eingestürzte Mauern. „Viele Steillagen sind heute quasi wertlos“, sagt sie. „Früher waren sie begehrt – heute übernehmen viele sie nur noch per Schenkungsvertrag.“

Eine Kindheit zwischen Spanien, Wein und Werkzeugkisten

Aufgewachsen ist sie in Hessen, doch mit elf Jahren zog die Familie nach Spanien. Dort, inmitten einer lebendigen Weinkultur, lernte sie, dass Wein nicht nur Produkt, sondern Lebensgefühl ist.
„Die Oma, der Vater, die Tanten und Nachbarn machten alle Wein – das hat mich geprägt.“

Mit 17 kam sie allein zurück in die Heimat nach Deutschland, um zu studieren. Der Einfluss der spanischen Familie ist geblieben – bis in die Garage:
„Ich liebe meine Frauengarage – meine Werkzeuge und die zwei Anhänger. Vor Maschinen habe ich keine Angst. Elektrotechnik und Maschinenbau nahm ich als Sachfach im Studium. Ganz bewusst!“

Reben im Oktober, Oliven im November, Lavendel zweimal im Jahr. Nichts kollidiert, alles ergänzt sich. Foto: Isabel Gil

Mehr als Wein: Warum Monokultur für sie keine Zukunft hat

Eine der größten Stärken ihres Ansatzes ist der Mut, die traditionelle Reb-Monokultur aufzubrechen. Stattdessen denkt sie die Steillagen mediterran, indem sie rund 1.500 Lavendelpflanzen, alte spanische Olivenbäume sowie Bodendecker wie Erdbeeren, Ringelblumen und Winterroggen integriert. So entsteht ein vielfältiges, klimaresilientes Mosaik, das weit über den klassischen Weinbau hinausgeht.

„Mir war klar, ein Weinberg alleine reicht nicht“, sagt sie rückblickend über die Anfangszeit. Ihr Ziel: kleine Parzellen zusammenführen, um effizienter zu arbeiten – und gleichzeitig ökologisch klüger.

Steillagen seien prädestiniert für Mischkultur, erklärt sie: Die Steine speichern Hitze, die Terrassen erzeugen ein mediterranes Mikroklima mit bis zu 70 Grad in der Sommersonne.

„Winzer arbeiten das ganze Jahr für die Trauben – und am Ende sind die Trauben kaputt oder werden nicht entsprechend vergütet. Ich wollte das anders machen.“

Ihr System kombiniert Biodiversität, Handarbeit und neue Einnahmequellen: Reben im Oktober, Oliven im November, Lavendel zweimal im Jahr. Nichts kollidiert, alles ergänzt sich.

Die ökologische Ausgangslage war schwierig, doch jetzt gibt es hier blühende Weinberge. Foto: Isabel Gil

Sanierung eines ausgelaugten Ökosystems

Die ökologische Ausgangslage war schwierig. Jahrzehntelang wurden viele Steillagen mit Helikoptern besprüht und überdüngt. Laboranalysen bestätigten: hohe Kupfer- und Phosphorwerte, Pflanzen, die „krankten“.

„Das hat mich richtig geschockt“, sagt sie. Doch für sie war es kein Grund aufzugeben – eher ein Ansporn. Heute sehen ihre Flächen aus wie lebendige Permakultur-Landschaften.

Bienen, Technologie und eine Vision für gesunde Steillagen

Ihre Wildbienenprojekte reichen vom Sandarium bis zu Robiniestamm-Insektenhotels. Und sie geht noch weiter: Gemeinsam mit dem Berliner Start-up HIIVES bringt sie Bienenstöcke in die Terrassen, die natürlichen Baumhöhlen nachempfunden sind. „Tradition und Moderne passen perfekt zusammen.“

Noch sind keine Bienenvölker eingezogen, aber es ist Teil ihrer Zukunftsstrategie: Mehr Vielfalt, mehr Bestäubung, mehr Resilienz.

Wie sie wirtschaftlich unabhängig bleibt

Während viele Winzer mit steigenden Kosten, Klimawandel und Arbeitskräftemangel kämpfen, setzt sie auf Diversifikation: Lavendel, Bienen, Oliven, Tourismus – finanziert teilweise über Förderprogramme wie Regional Neckarschleifen e.V. „Der Weinberg läuft“, sagt sie nüchtern. „Und die Projekte entwickle ich Schritt für Schritt weiter.“

Bed & Wine: Wein, Tourismus und Achtsamkeit unter einem Dach

Während Corona gründete sie „Bed & Wine“ – eine Ferienwohnung in ihrer Winzerscheune, liebevoll umgebaut über zwölf Jahre. Gäste können dort nicht nur wohnen, sondern auch den Weinkeller besuchen, Weine probieren oder kaufen.

Gils Verkostungen sind bewusst klein gehalten: „Keine Massen-Events. Auch in Kunstgalerien, vor allem in kleinen Gruppen. Wo Wein und Atmosphäre zusammenpassen.“

Dazu kommt ein ungewöhnliches Angebot: Weinyoga. Yoga für Anfänger – im Weinberg oder im eigenen Weinsaal. Danach ein Glas Rotwein.

Netzwerk, Know-how und der Mut, klein zu bleiben

„Weniger ist mehr“ ist das Leitprinzip der Weinsommeliere. Sie will kein großes Weingut, sondern ein Boutique-Modell, das Qualität, Landschaft und Erlebnis verbindet. Als zweite Regionalsprecherin von Vinissima – Frauen und Wein e.V. repräsentiert sie Württemberg bundesweit und profitiert vom Netzwerk starker Winzerinnen.

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